Wien. Rund 100 Jahre lang, von 1784 bis 1879, war der Währinger Friedhof die Begräbnisstätte der Wiener Juden. Mehrere zehntausend Menschen wurden hier beerdigt, auch wenn es nur 9000 Gräber gibt. Vor allem Kinder erhielten zur damaligen Zeit keinen eigenen Grabstein, erzählt Wolf-Erich Eckstein, Leiter des Matrikenamts der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) Wien.

Der Friedhof befindet sich heute im Eigentum der IKG, ist derzeit aber öffentlich nicht zugänglich - und wird es auch nicht sein, solange das Areal nicht umfassend gesichert und renoviert sein wird, betont Raimund Fastenbauer, IKG-Generalsekretär für religiöse Angelegenheiten. Saniert wurde nun in einem ersten Schritt einmal das Friedhofswärterhäuschen, das vom Architekten Joseph Kornhäusel entworfen worden sein soll. Er hat auch den Stadttempel, die älteste erhaltene Synagoge Wiens, in der Seitenstettengasse geplant.

Die Stadt Wien unterstützte die Generalsanierung des Gebäudes mit 500.000 Euro - der entsprechende Gemeinderatsbeschluss erfolgte im Winter 2011. Kommenden Sonntag wird das Friedhofswärterhaus wieder eröffnet.

Dazu gehört auch, dass Oberrabbiner Paul Chaim Eisenberg eine Mesusa anbringt, das ist eine Schriftskapsel, die das auf Pergament geschriebene Schma Israel, das wichtigste Gebet im Judentum, enthält. Mesusot werden am Türrahmen befestigt. Eingebracht wird im Rahmen der Eröffnungsfeier aber auch das Sefer Tora, also die Torarolle - Sefer heißt auf Hebräisch Buch. Auch diese wird wie das Schma Israel mit der Hand geschrieben.

Betstube und Infopoint

Kommt ein Minjan, die für einen Gottesdienst erforderliche Gruppe von zehn jüdischen Männern zustande, kann künftig auch in Währing gebetet werden. Im Zug der Sanierung wurde in dem Friedhofswärterhaus auch eine Betstube eingerichtet. Fastenbauer geht davon aus, dass die Betstube vor allem zu den Feiertagen genutzt werden wird.

Sobald der Friedhof saniert ist, wird das Häuschen zudem einen Infopoint für Besucher beherbergen. Zeithorizont gibt es dafür allerdings noch keinen. Mit der Einrichtung des "Fonds zur Instandsetzung der jüdischen Friedhöfe in Österreich" im vergangenen Jahr ist die Sanierung der teils Jahrhunderte alten Friedhofsanlagen gerade erst angelaufen.

Vor der Renovierung eines Friedhofs wird zunächst eine Instandhaltungsvereinbarung mit der jeweiligen Gemeinde benötigt. Mit der Stadt Wien ist die IKG zwar laufend in Gesprächen, eine konkrete Vereinbarung wurde aber noch nicht getroffen. An zwei Wiener jüdischen Friedhöfen wird allerdings eifrig saniert: am Friedhof Seegasse und am Ersten Tor des Zentralfriedhofs.

Am Währinger Friedhof lagen einst auch Mitglieder so bekannter Familien wie Arnstein, Epstein, Hofmannsthal, Wertheim, Oppenheimer, Todesco oder die Rabbiner Ruben Baruch, Moses Henoch Berliner, Lazar Horwitz und Isak Noa Mannheimer. Einige dieser prominenten Bestatteten wurden von den damaligen Verantwortlichen der jüdischen Gemeinde 1941 aus Sorge, dass die Nazis den Friedhof zerstören, exhumiert und am Zentralfriedhof erneut bestattet. Tatsächlich wurde kurz darauf Erdreich mit den sterblichen Überresten von rund 2000 Personen mit Baggern ausgehoben. Die Knochen wurden grob von der Erde getrennt und ohne Beschriftung ebenfalls am Zentralfriedhof bestattet.