Auch weil der Druck zunimmt. Gibt es Burnout oder wird das hochgespielt?

Burnout gibt es, weil die Menschen leiden. Die Menschen sind organisch gesund, aber die Belastungen, denen sie ausgesetzt sind, sind viel zu groß. Die Therapie lautet dann: Krankenstand. Jemand der verbrennt, den muss man vom Feuer wegholen.

Das führt zum Thema "falsche" Krankenstände. Warum schreiben Ärzte gesunde Menschen krank?

Ich habe viele Patienten verloren, weil ich das nicht getan habe. Die Menschen gehen dann zu einem Kollegen, der sie krankschreibt.

Wenn sich alle Ärzte korrekt verhielten, würde ein Wechsel nichts nützen.

Dann wäre es in Ordnung. Aber die wenigsten Menschen wollen das System ausnutzen. Wenn gerade die Mutter gestorben ist, im Job geht alles drunter und drüber und mit dem Geld geht es sich nicht aus, dann versteht man, dass Menschen mit Schnupfen zu Hause bleiben. Da bin ich Saulus und Paulus in einem. Krankenstände sind auch ein gesellschaftliches Problem.

Damit sind wir beim Kapitel der Frühpensionen angelangt. Sie beschreiben einen Fall, wo ein 46-jähriger Mann um eine Kiste Bier wettet, dass er in einem Jahr in Frühpension ist. Auch das geht nur, wenn Ärzte mitspielen.

Die wenigsten sind eiskalte Schmarotzer, aber viele Menschen kommen mit dem Leben nicht zurecht. Viele sagen sich dann, warum soll ich für 900 Euro arbeiten, wenn ich ohne Arbeit 800 Euro bekomme. Das kränkt und was kränkt, macht krank.

Spielen Ärzte bei Frühpensionierungen mit?

Ein bisschen spielen wir mit, ja. Gegen innere Überzeugung, weil wir dem System verhaftet sind. Es stärkt uns auch niemand den Rücken. Wenn ich da einen Aufstand machen würde, hätte ich keine Unterstützung: nicht von meiner Standesvertretung, nicht von der Politik.

Machen wir einen großen Sprung. Man hat den Eindruck, dass im Krankenhaus zwar eine perfekte medizinische Versorgung sichergestellt wird, aber dass die einfachsten Dinge wie Füttern von Menschen, die selbst nicht essen können, nicht gemacht werden. Warum ist das so?

Es geht ums Geld. Kein Patient ist systemrelevant. Wenn man einen verliert, macht man sich einen neuen. Sie finden bei jedem Menschen eine Krankheit, wenn Sie danach suchen. Es geht darum, dass die Betten voll sind, dass das Radl läuft. Warum sonst kann sich Niederösterreichs Landesrat Wolfgang Sobotka sonst hinstellen und sich freuen, wenn er 100 neue Betten eröffnet. Hätten wir weniger Betten, hätten die Krankenschwestern Zeit, den Menschen Essen zu geben. Es ist ja auch interessant, welche Therapien selbst sterbenden Patienten noch angetan werden.

Das bedeutet, wir überbetreuen Sterbende?

Ja. Wir behandeln auch nicht den alten Menschen, sondern unser schlechtes Gewissen. Wir haben ein schlechtes Gewissen unseren Alten gegenüber.

Ihr Resümee: von allem weniger?

Von allem weniger, aber das mit mehr Menschlichkeit, mit mehr Kommunikation. Statt Technik und Pharmakologie Menschlichkeit, das ist mein Plädoyer.