Wien. Die neue Fraktion "Initiative Respekt" stellt sich als einzige mit einer Frau an der Spitze der Wahl der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) Wien am 11. November. Die "Wiener Zeitung" sprach mit Sonia Feiger über ihre Kandidatur und die Ziele ihrer Fraktion.

Sonia Feiger fordert den Respekt in der jüdischen Gemeinde wieder zurück. - © Wiener Zeitung
Sonia Feiger fordert den Respekt in der jüdischen Gemeinde wieder zurück. - © Wiener Zeitung

"Wiener Zeitung":Sie haben 16 Jahre lang als Chefredakteurin des IKG-Magazins "Die Gemeinde" in der Kultusgemeinde gearbeitet. Welche Erfahrungen aus dieser Zeit haben Sie nun bewogen, für den Kultusvorstand zu kandidieren?

Sonia Feiger: Wenn man drinnen sitzt, empfindet und sieht man die Dinge anders als von außen. Man ist mit vielem konfrontiert, wo man sich denkt, das könnte einfacher gehen. Die Redaktion war teils auch eine soziale Anlaufstelle. Da teilen viele Menschen ihre Beschwerden und Sorgen. Man konnte dann in der Abteilungsleitersitzung Vorschläge machen - aber die Dinge wurden einfach nur zur Kenntnis genommen.

Worüber haben sich die Leute beschwert?

Es gab da keinen Schwerpunkt. Es ist einfach so, dass die Strukturen 50 Jahre alt sind und man einfach einmal durchmischen muss. Mir ging es mehr darum, wie man auf Anregungen reagiert hat. Immer, wenn jemand gemeint hat, dies fehlt oder das, kam seitens der IKG die Antwort, das haben wir eh alles. Aber es gibt Feinheiten, es gibt Nuancierungen. Dinge sind nicht immer schwarz oder weiß.

Greift die Initiative Respekt vor allem Unzufriedenheiten auf?

Wir greifen natürlich Unzufriedenheiten auf, weil wir ja einmal allen zuhören wollen. Nur wenn wir zuhören, wissen wir, was die anderen wollen. Aber wir haben natürlich auch eigene Ideen, die wir anbieten. Wir wollen ja nicht nur als Lückenfüller antreten.

Was soll der Name Initiative Respekt vermitteln?

Brutal gesagt: Respekt ist das, was uns abgegangen ist.

Respekt gegenüber wem?

Gegenüber unseren Mitmenschen, und das sind alle. Das sind die Mitarbeiter, das sind die Gruppierungen, das sind die Gemeindemitglieder, das sind die öffentlichen Stellen. Respekt ist nicht teilbar. Man muss allen mit derselben Haltung begegnen. Mir fehlt die Neschume, die jüdische Seele, dieses Gefühl, da bin ich zu Hause und da gehöre ich hin. Eine Heimat. Wir haben übrigens auch ganz bewusst einen deutschsprachigen Namen gewählt. Wo immer wir alle herkommen, wir leben in Österreich. Wir sind Teil dieser Gesellschaft, und Deutsch ist unsere gemeinsame Sprache.

Wie unterscheidet sich die Initiative Respekt von den Fraktionen, die bereits im Kultusvorstand vertreten sind?

Nach der Schoa 1945 haben die paar wenigen Überlebenden, die aus Ost- und Mitteleuropa kamen, hier den Grundstock einer kleinen Gemeinde gegründet. Da ging es um das Überleben als jüdische Gemeinde. In den 1970er Jahren setzte in Österreich und Europa eine vermehrte Zuwanderung von Menschen ohne Schoa-Geschichte ein - die meisten von ihnen orientalische oder sefardische Juden. Das ist eine neue Situation. Wir würden uns wünschen, wo wir jetzt an einem Ort zusammenleben, dass auch die Menschen mehr zusammenfinden. Uns geht es um eine Einheitsgemeinde, die nicht nur die gemeinsame Administration meint, sondern in der sich auch die Menschen als Einheit fühlen.

Wenn man sich neu formiert, tritt man auch gegen etwas an. Was stört sie an der momentanen IKG-Führung?

Die Mitglieder werden nicht eingebunden. Selbst wenn es einmal ein Bürgerforum gab, war es ein Frontalunterricht des Präsidenten. Uns stört die Kritikresistenz. Alles wird als persönlicher Angriff aufgefasst. Es fehlt die Akzeptanz, Neues anzunehmen. Wer je an einer Kultusratsitzung teilgenommen hat, bekommt das Gefühl, dass die Kultusräte keine Meinung haben wollen oder dürfen. Das ist eine Frage des Führungsstils. Führt jemand, der die anderen mit ihrem Denken einbezieht, dann wäre das anders.

Wie kommen jetzt Entscheidungen im Kultusvorstand zustande?

Auch wenn es um weitreichende Entscheidungen geht, bekommen die Kultusräte die Unterlagen entweder bei der Sitzung oder am Tag davor. Es geht uns aber auch darum, dass sich die Mandatare ihrer Verantwortung bewusst sein müssen. Es gab einmal ein junges Plenarmitglied, das gesagt hat, ich stimme nicht ab, weil ich es nicht verstehe - kann mir das jemand erklären? Aber dann hieß es, so viel Zeit haben wir nicht. Das ist eine grundsätzliche Schieflage. Im Statut steht ganz klar: Der Präsident vertritt die Gemeinde nach außen und die Entscheidungen trifft der Kultusvorstand. Die Realität sah bisher aber anders aus.

Falls die Initiative Respekt an die Spitze der Israelitischen Kultusgemeinde gewählt wird - wofür würden Sie sich als Erstes einsetzen?

Für Gerechtigkeit. Wir hätten gerne eine Ethikkommission, die nicht politisch besetzt wird, sondern von Fachleuten, in der Richtlinien erarbeitet werden, die dann für die Israelitischen Kultusgemeinde, alle ihre Firmen und Vereine bindend sind. Im Judentum gibt es so viele ethische und moralische Prinzipien. Und diese sollten wir einhalten und leben. Derzeit können wir sie nicht finden.

Zur Person
Sonia Feiger (62) ist die erste Frau, die sich um das IKG-Präsidentenamt bewirbt. Die Journalistin und PR-Frau war 16 Jahre lang Chefredakteurin des IKG-Magazins "Die Gemeinde". Ihr Mann Thomas Feiger plante unter anderem den IKG-Campus im Prater, der heute das Maimonides Zentrum, die Zwi Perez Chajes-Schule und den Sportklub Hakoah beherbergt. Die Liste Initiative Respekt wurde von Patricia Kahane, Amos Davidovits und Robert Wilder gegründet.