Dezoni Dawaraschwili vertritt die 550 georgischen Juden in Wien. - © Wiener Zeitung
Dezoni Dawaraschwili vertritt die 550 georgischen Juden in Wien. - © Wiener Zeitung

Wien. (wea) Georgische Juden - Grusinen - gehören eher dem sefardischen Ritus an. 550 Grusinen leben in Wien, 370 sind wahlberechtigt. Dezoni Dawaraschwili (37) ist seit zehn Jahren einziger Mandatar der georgischen Juden im Kultusvorstand.

"Wiener Zeitung": Sie vertreten die Grusinen, Juden, die aus Georgien zugewandert sind. Wie integriert ist die Community?

Dezoni Dawaraschwili: Sehr gut. Vor allem die Jugendlichen sind sehr gut integriert, so weit, dass man schon mehr wegen Assimilation aufpassen muss.

Ist die Heirat mit Nichtjuden Assimilation?

Das Herz ist nicht immer kontrollierbar. Du kannst einen Nichtjuden heiraten, aber in der Gemeinde total aktiv sein, jüdische Freunde haben. Es geht darum zu wissen, was man ist. Assimiliert ist man meiner Ansicht nach, wenn man sich nicht mehr mit dem Judentum identifizieren kann.

Was braucht die georgische Gemeinde?

Wir sind in den vergangenen 20 Jahren gewachsen. Es gibt schon eine dritte, teils vierte Generation. Unser Bethaus ist klein geworden; bei nur 80 Plätzen müssen viele stehen. Wir brauchen einen größeren Gebetsraum oder eine eigene Synagoge.

Die Jugendlichen sollen hier bleiben. Es sind zwar Grusinen zur Gemeinde dazugestoßen, die Jugend geht aber wieder nach Amerika oder nach Belgien. In Antwerpen gibt es eine substanzielle georgische Gemeinde, weil es dort das Diamantengeschäft gibt, in dem sich die Georgier zu Hause fühlen. Viele unserer Mitglieder sind heute Kaufleute. Ich würde mir wünschen, dass immer mehr junge Leute studieren und sich das Bildungsniveau hebt, um damit den Fortbestand der grusinischen Gemeinde in Wien zu sichern.

Was soll sich in der Gemeinde verbessern?

Man lästert gerne. Aber wenn es darum geht, etwas aktiv in die Hand zu nehmen, dann will keiner mitmachen. Es geht um Partizipation. Die Gemeinde gehört uns allen. Nur zu schimpfen bringt einen nicht weiter. In Wien gibt es an die 15.000 Juden - aber nur 7700 sind gemeldet. Das ist schlimm, weil es eine Gleichgültigkeit zeigt, und das ist für mich ein Thema. Da brauche ich keinen Zuzug von außen, um die Gemeinde zu vergrößern, da kann ich die einbinden, die bereits hier leben.

Und dann zu Assimilation und Identifikation: Wir müssen schauen, dass unsere Kinder morgen nicht jene werden, die kein Interesse mehr an der Gemeinde haben. Eine Gemeinde ohne religiöse Führung und funktionierende Infrastruktur ist auf Dauer zum Scheitern verurteilt. Wir haben in den vergangenen Jahren viel Positives geschaffen. Nun müssen wir die Einrichtungen weiterentwickeln und unser Selbstbewusstsein als fester Teil der österreichischen Gesellschaft verstärken.