Wien. (sir) Als die SPÖ unmittelbar vor der Regierungsklausur Anfang November den weiteren Ausbau der Ganztagsschule und die dafür nötigen 80 Millionen Euro zusätzlich einforderte, reagierte der Koalitionspartner ÖVP derart entrüstet, dass im Rahmen der Klausur keine Einigung mehr erzielt werden konnte.

Die Vorweihnachtszeit brachte nun doch einen gemeinsamen Beschluss von SPÖ und ÖVP, das Angebot von Ganztagsschulen sukzessive bis 2018 zu erhöhen. Die dafür nötige Verdoppelung der Zusatzfinanzierung auf insgesamt 160 Millionen Euro pro Jahr passierte am Dienstag den Ministerrat - und wurde auch von den anderen im Parlament vertretenen Fraktionen durchaus wohlwollend aufgenommen.

Für Bildungsministerin Claudia Schmied blieb jedoch ein "Wermutstropfen", wie sie erklärte, denn das Vetorecht der Lehrer konnte Schmied nicht wie gewünscht wegverhandeln. Was die von der ÖVP geforderte Einführung des Ethikunterrichts sowie Änderungen bei der Sprachförderung betrifft, wurde noch kein Beschluss gefasst, es wurden aber Pilotprojekte vereinbart. Schmied schloss jedoch aus, dass Kinder mit schlechten Deutschkenntnissen künftig in eigenen Klassen unterrichtet werden. "Separationsbewegungen entsprechen nicht der Grundhaltung der Sozialdemokratie", sagte sie.

Keine Wahl des Modells

Während die Grünen die Einigung als "Pyrrhussieg" Schmieds bewerteten, strichen FPÖ, BZÖ und auch das Team Stronach die Wahlfreiheit für Eltern bei der Entscheidung, ob ihre Kinder in Ganztagsformen unterrichtet werden sollen, heraus. Auch für die ÖVP war diese Wahlfreiheit ein entscheidender Punkt.

Für Berufstätige, vor allem alleinerziehende Mütter und Väter, ist ein ganztätiges Betreuungsangebot aber meistens eine Notwendigkeit, die Nachfrage hat sich in den vergangenen sechs Jahren verdoppelt. Bis 2018 will die Regierung die Zahl der angebotenen Plätze auf 200.000 verdoppeln. "Dieses Vorhaben entspricht vollkommen der geänderten Arbeitswelt", sagte BZÖ-Bildungssprecherin Ursula Haubner.

Noch in der Vorweihnachtszeit beginnen in den meisten Bundesländern die Schuleinschreibungen, in denen die Eltern den Bedarf an einer ganztägigen Betreuung anmelden können. Dabei gibt es zwei Modelle, entweder die reine Betreuung am Nachmittag oder eine verschränkte Variante, bei der sich der Unterricht auf die vollen acht Stunden verteilt. Die SPÖ sowie Interessensverbände wie Arbeiterkammer und Industriellenvereinigung präferieren diese Variante, doch die Hürden dafür bleiben unverändert hoch.

Rechtsanspruch für Eltern

Denn nur wenn sich alle Schüler sowie zwei Drittel der Erziehungsberechtigten und Lehrer für diese Form des Unterrichts entscheiden, kann eine Schule auf die verschränkte Variante umstellen. "Und das wird auch so bleiben", sagte ÖVP-Bildungssprecher Werner Amon.

Wenn an einem Standort 15 Anmeldungen - in Ausnahmefällen reichen auch 12 - für eine Ganztagsform abgegeben werden, erhalten die Eltern einen Rechtsanspruch darauf. In diesem Fall muss auch die Schule entsprechend aufrüsten, so sind etwa Gemeinschafts- oder Jausenräume einzurichten, in denen die Schüler und Schülerinnen verpflegt werden können. Wie bisher ist pro Gruppe eine Förderung vom Bund für Infrastrukturanpassungen von 50.000 Euro vorgesehen.

Bis 2018 werden entsprechend dem Ausbau rund ein Drittel aller Pflichtschüler in ganztägigen Schulformen unterrichtet werden, im Bildungsministerium schätzt man, dass der Bedarf aber noch weiter steigen wird und in absehbarer Zeit die Hälfte der Kinder Ganztagsschulen der einen oder anderen Form besuchen.

Mehr Turneinheiten

Ein besonderes Augenmerk will Schmied beim Ausbau der Ganztagsschule auf die tägliche Bewegungseinheit gelegt wissen. Hierfür hat es Mitte November einen Entschließungsantrag aller sechs Parteien im Nationalrat gegeben. Die Kooperationen von Schulen mit Sportvereinen sollen ausgebaut werden, was auch den angenehmen Effekt hätte, dass Vereinstrainer in der Regel geringere Kosten verursachen als zusätzliches Lehrpersonal.

Während bei der Reform der Sprachförderung noch Pilotprojekte getestet werden, sind beim Ethikunterricht nur noch wenige Fragen offen - jedoch wesentliche. Die Koalitionsparteien konnten sich bisher nicht darauf verständigen, ob der Ethikunterricht für Schüler verpflichtend sein soll, wenn diese vom Religionsunterricht abgemeldet sind. Dies fordert die ÖVP, die SPÖ will sich die Frage noch offen lassen.