Wien. Am 8. Dezember wäre Jura Soyfer 100 Jahre alt geworden. Er starb 1939 im KZ Buchenwald. Die Gedichte und Schriften des illegalen KPÖ-Mitglieds Soyfer begleiten Willi Resetarits seit Jahrzehnten - mit der 1969 von ihm mitbegründeten Politikrockband Die Schmetterlinge produzierte er vor 30 Jahren für die Wiener Festwochen "Verdrängte Jahre", mit Texten Soyfers. Zuletzt kam - gemeinsam mit der Musikerin Sabina Hank - das Album "Abendlieder" heraus. Der Künstler, Initiator und Ehrenpräsident des Wiener Integrationshauses denkt im Interview über den wortgewandten Soyfer nach - und natürlich über Politik.

"Wiener Zeitung": Herr Resetarits, die Texte von Jura Soyfer begleiten Sie seit Jahrzehnten. Sie sind als Trost- und Ratgeber gefragt: Warum sind seine Texte bis heute gültig und stimmig?

Willi Resetarits:Soyfer war ein sprachlich hochbegabter und lebenslustiger Mensch, aber hauptsächlich war er ein Mensch der Zwischenkriegszeit. Ich persönlich lerne daraus: Man soll nicht in der Zwischenkriegszeit leben. Aber Soyfer war ein Optimist, auch wenn er mit großer Klarheit gegen den drohenden Krieg angeschrieben hat. Aber in den 1930er Jahren war das eine verzweifelte Sache, er war ja quasi zum Revolutionär verurteilt.

Er hätte sich ja auch arrangieren und seine schriftstellerische Begabung für weniger politische Texte nutzen können. Immerhin zeigt sein Beitritt zur illegalen KPÖ 1934 eine starke Radikalisierung.

Willi Resetarits im Gespräch mit Chefredakteur Reinhard Göweil.
Willi Resetarits im Gespräch mit Chefredakteur Reinhard Göweil.

Eins vor allem: Was für eine Verschwendung an Idealismus. Er war von der Sozialdemokratie enttäuscht und schrieb das auch in seinem Roman "So starb eine Partei". Aber er konnte nicht wissen, dass Sowjet-Agenten viele der damals eher schlecht organisierten Aufstände - etwa in Spanien - dominierten. Da fragt man sich doch: Warum muss das so hergehen auf der Welt?

Ja, warum eigentlich?

Weil Staatsorganisationen einfach so umfallen können. Das ist nur gut für Steinzeitmenschen. Soyfer war aber hochintelligent.

Wie sind Sie damals mit den Schmetterlingen eigentlich auf Soyfer gekommen?

(lächelt) Weil wir selber nicht so gute Texte schrieben. Im Ernst gesprochen, Otto Tausig hat uns damals ein Büchlein von ihm gegeben. Es gab keine Gesamtausgabe seines Werkes, und der Otto hat uns verboten, Seiten rauszureißen oder im Buch herumzukritzeln.

Hätte Soyfer den Krieg überlebt, was wäre wohl aus ihm geworden?

Er wäre von der KPÖ sicher enttäuscht gewesen. Der brachiale Anti-Kommunismus im Kalten Krieg hat zwar in der Linken den Blick auf die Zustände in der Sowjetunion verstellt, aber er hätte es schwer gehabt. Wäre er nicht gestorben, wäre er 1939 in die USA emigriert und hätte dort mit Woodie Guthrie gearbeitet, der übrigens auch heuer 100 Jahre alt geworden wäre.

Und heute gibt es die große revolutionäre Gesinnung nicht mehr?

Es gibt im Gegensatz zu damals eine geringe Arbeitslosigkeit. Es gibt Armut in Österreich, aber keinen Hunger, die Heizkosten werden gestützt. Heinz Unger hat einmal geschrieben: Es ist uns noch nie so gut gegangen, sagten die Gänse vor Weihnachten.

Würde er sich noch einmal detailliert mit der Sozialdemokratie auseinandersetzen?

So wie Rupert Henning und Erwin Steinhauer? Nein, denke ich nicht.

Sollte sich die SPÖ stärker mit Soyfer auseinanderzusetzen?

Schwer zu sagen, weil man ja immer auch davon ausgehen muss, was in der Bevölkerung die Voraussetzungen für politisches Agieren sind. Beispielsweise am Arbeitsmarkt wurde da früher sehr viel gebügelt von der Partei. Jetzt haben wir eine ganz andere Situation. Aber ich kenne viele junge Leute und bin sehr zufrieden mit ihnen. Sie sind blitzgescheit und haben gute Ansichten. Man muss den heutigen Herausforderungen gegenübertreten und global denken. Das müssen die jungen Leute angehen, dass auf der ganzen Welt Menschen leben können und die Verteilungsfragen lösen. Möglichkeiten gibt es genug. Aber die Medien, die könnten da durchaus mehr machen, aber diese Gratiszeitungen - das wird den Leuten richtig ins Hirn gesch...

Man muss ja nicht diese Blätter lesen, es gibt gute Zeitungen auch.

Ja, aber das wird ihnen in der Früh reingestopft auf ihrem Weg in die Schule und die Arbeit. Da denk’ ich an "Heute". Man könnte die heutige Zeit die Gratiszeitungs-Ära nennen. Das ist die Fortsetzung von "Geiz ist geil".

Noch einmal, der Mensch ist doch selbstbestimmt. Sie müssen sie ja nicht nehmen.

Selbstbestimmt ja, aber beeinflussbar. Das hat man früher den gesunden Menschenverstand genannt, dass jemand sagt: Ich rieche, da ist etwas faul in diesem demokratiepolitisch so wichtigen Mediensektor. In der Wahrnehmung des Menschen ist alles da, aber was kommt zum Tragen in den öffentlichen Äußerungen? Ich wünsche mir diesen aufrechten Menschen, der ein bisschen etwas riecht.

Aber am Ende will doch jeder einfach sein gutes Leben erhalten . . .

Das Idealbild des Weltverbesserers, der nur leidet dafür, der selbst nichts davon hat, der deshalb so glaubwürdig ist, weil er so ungern in der Öffentlichkeit steht und ihn dies viel Überwindung kostet - das mag es auch geben. Aber ich glaube da schon eher an Menschen, die das Leben genießen wollen. Die Frage ist nur, wie weit? Die Glücksforschung hat gezeigt, dass bei Personen ab einem gewissen Einkommen das Glück keine Zuwächse mehr hat. Das hat mir gut gefallen, das hab ich auch für mich entdeckt, dass ich keinen Glückszuwachs mehr habe. Ich habe keine Ambitionen, Lotto zu spielen. Dieser Stress. Ich müsste die Arbeit aufgeben, um die Millionen im Sinne meiner Weltverbesserungsvorstellungen in einem Fonds zu verwalten.