Wien. Der Trend in Europa geht klar in Richtung Berufsheer. Nur noch eine Handvoll EU-Staaten hält an der Wehrpflicht fest. Derzeit zumindest, denn auch das Modell der Freiwilligenarmee ist keineswegs in Stein gemeißelt. Das macht auch ein Blick in die Geschichte deutlich. In den vergangenen 500 Jahren gab es einen steten Wechsel zwischen Berufsheer und Wehrpflicht. Und nicht selten überlappten sich die beiden Modelle, wie Christian Ortner, Direktor des Heeresgeschichtlichen Museums (HGM) in Wien (und nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen WZ-Kolumnisten) im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" erklärt.

Eine Zäsur in der Militärgeschichte stellten die Napoleonischen Kriege dar. Die Wehrpflicht wurde zum europäischen Standard, die Armeen wurden nationalisiert. - © steschum/Fotolia.com
Eine Zäsur in der Militärgeschichte stellten die Napoleonischen Kriege dar. Die Wehrpflicht wurde zum europäischen Standard, die Armeen wurden nationalisiert. - © steschum/Fotolia.com

Das beginnt schon im ausgehenden Mittelalter und zu Beginn der frühen Neuzeit, also Ende 15., Anfang 16. Jahrhundert, als neben den feudalen Ritterheeren - klassische Berufssoldaten - schon Landesaufgebote entstanden. Im 16. und 17. Jahrhundert waren die europäischen Streitkräfte geprägt von Reisläufern und Landsknechten, die jedem dienten, der ihren Sold übernahm. Es dominierte also weiterhin das Berufssoldatentum. Das ändert sich allerdings mit dem Beginn des Dreißigjährigen Krieges 1618. Weil die bezahlten Soldaten mit fortschreitender Kriegsdauer langsam aber sicher ausgehen, kommt es vermehrt zu Zwangsverpflichtungen.

Nach dem Westfälischen Frieden 1648 prägen stehende Heere das Bild Europas - und diese setzen sich wiederum aus Berufssoldaten zusammen. Es entsteht der klassische "miles perpetuus", der ständige Soldat, der im Prinzip sein Leben lang dient.

Allerdings kann so ein Soldatenleben auch sehr kurz sein. Vor allem im von Erbfolgekriegen geprägten 18. Jahrhundert waren "die Verluste so hoch, dass keiner mehr freiwillig zum Heer ging", erklärt Militärhistoriker Ortner. In Österreich wird daraufhin unter Maria Theresia die Konskriptionspflicht eingeführt. Allerdings gab es zahlreiche Ausnahmen von dieser Wehrpflicht, etwa für Adelige, den Klerus, Grundbesitzer, freie Bauern und deren Söhne.

Französische Revolution als Zäsur

Eine Zäsur in Sachen Wehrpflicht stellte schließlich die Französische Revolution dar. Nach ersten Erfolgen befand sich die revolutionäre Freiwilligenarmee 1793 gegenüber den preußischen, österreichischen und britischen Koalitionstruppen wieder in der Defensive. Deshalb beschlossen Nationalkomitee und Wohlfahrtsausschuss die "Levée en masse", die alle unverheirateten Männer zwischen 18 und 25 zum Kriegsdienst verpflichtete. Dadurch konnte Frankreich innerhalb kürzester Zeit ein Millionenheer aufstellen. Gleichzeitig bedeutete die "Levée en masse" eine Nationalisierung der Armee. Allerdings konnte Patriotismus die fehlende Kampferfahrung nur schlecht kompensieren. Aufgrund hoher Verluste schrumpfte französische Armee bis 1796 auf 400.000 Mann. Auch Napoleon konnte in der Folge kein Millionenheer mehr aufstellen, trotzdem hatte Europa seiner "Grande Armée" anfangs wenig entgegenzusetzen.