Wien. Gestern Irland, heute Deutschland, morgen Österreich? In immer mehr Ländern taucht als Rindfleisch deklariertes Pferdefleisch auf. Nun wurden auch Spuren von Pferdefleisch in verarbeiteter Lasagne entdeckt, die an mindestens einen Händler im deutschen Bundesland Nordrhein-Westfalen geliefert wurde; weitere Produkte und Händler könnten betroffen sein. "In Österreich gibt es derzeit keinen Hinweis auf ähnliche Fälle", sagt der Sprecher von SPÖ-Gesundheitsminister Alois Stöger gegenüber der "Wiener Zeitung". Eine Schwerpunktaktion auf das Ziehen von Lebensmittelproben wurde bereits veranlasst, einen Pferdefleisch-Fall kann man daher im Gesundheitsressort auch nicht ausschließen.

Vorsorge betreibt bereits die Nummer eins in Österreichs Handel: Rewe hat von sämtlichen Herstellern ihrer Eigenmarken, deren Produkte Faschiertes beinhalten, eine schriftliche Garantie eingefordert, dass darin kein Pferdefleisch enthalten ist. Konkurrent Spar sieht für derartige Maßnahmen "keine Veranlassung", da es sich beim Pferdefleisch-Skandal um einen Betrugsfall handle, nicht um eine Sicherheitsfrage. "Im Sinne des vorsorglichen Verbraucherschutzes" hat die deutsche Handelskette Tengelmann Tiefkühl-Lasagne der Eigenmarke A&P aus dem Verkauf genommen. Tengelmann war früher Eigentümer der österreichischen Zielpunkt-Märkte, die aber keine Produkte der Marke A&P mehr anbieten.

Damit der aktuelle Pferdefleisch-Skandal nicht auch auf die Essgewohnheiten niederschlägt, präsentieren Parteien und Interessenvertreter täglich neue Gegenmaßnahmen. So forderte Bauernbund-Präsident Jakob Auer (ÖVP) am Mittwoch eine verpflichtende EU-weite Herkunftskennzeichnung für Milch- und verarbeitete Fleischprodukte. Die Verbraucher hätten "ein Recht auf nachvollziehbare Herkunftsangaben". Welche Angaben die Herkunftskennzeichnung beinhalten soll, schlug der Bauernbund nicht vor; er sieht Gesundheitsminister Alois Stöger am Zug, der tags zuvor für eine europaweite Datenbank plädierte, um den Weg vom Rohstoff zum Produkt nachzuvollziehen. Stöger zeigt sich bei der Kennzeichnung offen, er verweist zudem auf eine Machbarkeitsstudie der EU-Kommission.

Brüssel in Aufruhr, Konsumenten gelassen

Auf europäischer Ebene schrillen angesichts des Pferdefleisch-Skandals die Alarmglocken. Am Mittwochabend traf sich der Kommissar für Gesundheit und Verbraucherschutz, Tonio Borg, mit den zuständigen Ministern zu einer Sondersitzung. Borg sieht in der Causa einen Betrugsfall: "Irgendwo im Lauf der Lebensmittelkette hat es einen Betrug oder eine Nachlässigkeit bei der Etikettierung von Fleischerzeugnissen gegeben." Bislang gibt es in der Union eine Herkunftsbezeichnung, jedoch nicht für verarbeitetes Fleisch. Im Zentrum des Verdachts stehen derzeit rumänische Firmen, jedoch wäre es "unfair, mit dem Finger auf ein ganz konkretes Land" zu zeigen, so Borg.

Kalt lässt die Debatte um Pferdefleisch bislang die österreichischen Konsumenten: Weder bei Billa noch Spar wurden Beschwerden oder Ängste über die Hotlines der Konzerne deponiert, auch der Verkauf der Tiefkühlprodukte ist nicht eingebrochen. Denn egal ob Schweinsbraten, Schnitzel und Gulasch - oder Tiefkühllasagne: Die Österreicher essen gerne und oft Fleisch. 99,3 Kilogramm betrug der Pro-Kopf-Verbrauch 2012; er liegt damit deutlich über dem EU-Schnitt von 87 Kilogramm. Abgeschlagenes Schlusslicht bildet Estland, deren Einwohner nur knapp 42 Kilo Fleisch pro Jahr verzehren, an der Spitze steht Zypern mit 134 Kilogramm pro Kopf und Jahr.