Wien. Kaum ist die Diskussion um den ewigen Zankapfel flexible Arbeitszeiten zwischen ÖVP-Minister Reinhold Mitterlehner und SPÖ-Minister Rudolf Hundstorfer, jeweils unterstützt von Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertretern, wieder abgeflaut, legt die Arbeiterkammer nach und veröffentlicht heute, Freitag, das Strukturwandel-Barometer. Es handelt sich dabei um eine Ifes-Umfrage unter Betriebsräten, die erstmalig und künftig jedes halbe Jahr zeigt, wie sich der Strukturwandel auf die Arbeitsbedingungen im Unternehmen auswirkt. Mit einem überraschenden Ergebnis: Mehr als die Hälfte der befragten Betriebsräte, konkret 54 Prozent, hält den Strukturwandel für notwendig oder sogar unverzichtbar.

Mehr Effizienz und Effektivität, neue Technologien und Arbeitsmethoden werden also nicht grundsätzlich abgelehnt. Aber - und das ist weniger überraschend und Wasser auf die Mühlen jener, die flexible Arbeit in Unternehmen ablehnen: 59 Prozent der Betriebsräte glauben auch, dass vom Strukturwandel vor allem Eigentümer und Unternehmer profitieren, während er sich für Mitarbeiter negativ auswirkt.

Insbesondere die Flexibilitätsanforderungen und der Zeitdruck hätten stark zugenommen. Das Betriebsklima habe sich dagegen verschlechtert und die Einkommen seien im Vergleich zur Arbeitszeit nicht angemessen.

AK: Firmen sollen 1 Euro pro Überstunde zahlen

Alice Kundtner, AK-Bereichsleiterin für Soziales, fordert deshalb in Allianz mit dem Leitenden ÖGB-Sekretär Bernhard Achitz mehr Kontrolle. Die Unternehmen sollen zudem pro Über- und Mehrstunde einen Euro mehr an die Arbeitslosen- und die Krankenversicherung bezahlen. Außerdem plädiert Kundtner für mehr Burnout-Prävention im Betrieb: "Wir lesen auf den Karriereseiten ständig über individuelle Strategien gegen Burnout. Aber wo man organisiert an die Sache heran gehen könnte, passiert zu wenig. Das ist kontraproduktiv."

Dabei müsste ein Strukturwandel für den Arbeitsmarkt und mehr Flexibilität nicht unbedingt Negatives bedeuten. IHS-Arbeitsmarkt-Experte Dominik Walch meint etwa: "In Italien, wo zum Beispiel ein zu rigider Kündigungsschutz dafür sorgt, dass Unternehmen Hemmungen haben, junge Leute überhaupt einzustellen, wäre mehr Flexibilität jedenfalls angebracht."

Mehr Flexibilität könne aber auch in Österreich positiv sein, sofern sie nicht als Einbahnstraße vom Unternehmer für Mitarbeiter gedacht wird: "Wenn mehr Freiraum für die Arbeitszeitgestaltung im Team bliebe, könnte Flexibilität sogar eine Win-win-Situation für Mitarbeiter und Unternehmer sein." Problematisch wird es allerdings dann, wenn den flexiblen Arbeitszeiten nicht das Umfeld folgt -soll heißen, dass zum Beispiel Kinderbetreuung ebenfalls flexibler verfügbar sein müsste.

Von den Betriebsräten wird aber nicht nur die Flexibilität bei den Arbeitszeiten, sondern auch bei den Arbeitsverhältnissen selbst kritisiert: Mehr Leiharbeit wird genauso wenig gutgeheißen wie Auslagerungen von Arbeit an andere Betriebe.

Auslagerung kann Chancen für Qualifizierte steigern

Zwar stellt auch Wifo-Industriepolitik-Experte Martin Falk mehr Outsourcing an andere Unternehmen und Offshoring ins Ausland fest. Dennoch würde er die Folgen des Strukturwandels auf den Arbeitsmarkt differenzierter als die Arbeitnehmervertreter beurteilen: "Es gibt sowohl Gewinner als auch Verlierer unter den Mitarbeitern." Zwar würden einfache Produktionstätigkeiten tatsächlich ausgelagert, zugleich aber steigen die Chancen für Hochqualifizierte.

Der Strukturwandel bringt etwa Chancen in entwicklungs- und forschungsintensiven Unternehmen oder in der Industrie, die Business-to-Business-Dienstleistungen anbieten, mit sich. Denn da wird nicht nur die Anlage exportiert, sondern auch das Know-how der Mitarbeiter für den Aufbau, den Betrieb oder die Wartung. Die Unternehmen investieren folglich in ihr Humankapital.

Und immerhin das wurde auch von den für das Strukturbarometer befragten Betriebsräten so wahrgenommen: 33 Prozent sagen, das Unternehmen, in dem sie beschäftigt sind, habe mehr in Know-how des Personals investiert als noch ein halbes Jahr zuvor.