Marx oder Max ist ihm egal. Tafart ist einer von 5000 Mietern und findet den Karl-Marx-Hof lebenswert für Arm und Reich. - © Clemens Neuhold
Marx oder Max ist ihm egal. Tafart ist einer von 5000 Mietern und findet den Karl-Marx-Hof lebenswert für Arm und Reich. - © Clemens Neuhold

Wien. Christian Tafart (26) pendelt täglich zwischen zwei Welten, und die sind nur eine U-Bahnstation voneinander entfernt.

Bei der U-4-Station Spittelau arbeitet er: Tafart ist Vorsitzender der Hochschülerschaft an der Wirtschaftsuniversität Wien. Nach der Arbeit setzt er sich in die U-Bahn, steigt in Heiligenstadt aus und marschiert durch die mächtigen Betonbögen des Karl-Marx-Hofes in seine Erdgeschoßwohnung. Er arbeitet in der Welt des Kapitals und wohnt unter der Schirmherrschaft jenes Mannes, der mit seinem "Kapital" antrat, den Kapitalismus zu vernichten.

Die Zeitung ist sicher


Tafart ist ein bürgerlicher Mensch. Seine ÖH-Fraktion, die Aktionsgemeinschaft, ist ÖVP-nahe und matcht sich mit dem sozialistischen "Faust" (VSStÖ) bis aufs Blut. Seine Freunde sind in jenen Teilen des 19. Bezirks angesiedelt, wo höchstens der Wein rot ist; wo Hofräte, Anwälte, Banker und Consulter auf die sozialistischen Betonburgen herabblicken.

"Meine Wirtschaftszeitung hat in zwei Jahren noch nie jemand gestohlen, dabei bringt sie der Postler nur vor bis zur Stiege", sagt Tafart. Als er vor zwei Jahren zum Karl-Marxer wurde, rümpften Freunde die Nase. Das versteht er bis heute nicht. Für ihn war der Brief von Wiener Wohnen die Rettung in der Wohnungsnot.

Noch als Schüler hatte er sich auf Anraten seiner Mutter, die ebenfalls im Gemeindebau aufwuchs, den Vormerkschein besorgt. Dann, zwei Jahre später, am Höhepunkt seiner Verzweiflung über "horrende Mietpreise" am freien Markt, kam die Zusage. Und das auch noch für den 19. Bezirk, in der Nähe seiner Freunde.

Bodenständiger Preis


"Es war alles da: Parkettboden und Fliesenboden. Ich zahle 450 Euro für knapp 60 Quadratmeter. Am freien Markt hätte ich das Doppelte bezahlt. Da gab es nichts mehr unter zehn Euro pro Quadratmeter." Pro Monat kommen noch 60 Euro für die Fernwärme dazu, die ist ein Muss in Marx.

Richtig teuer im Vergleich zum Status quo könnte es aber werden, wenn sich die ÖVP mit ihrem "Gehalts-Check" durchsetzt. Wer mehr als 2900 Euro im Monat netto verdient, soll dann "marktübliche Preise" zahlen. Im 19. Bezirk mit U-Bahn vor der Türe wäre das wohl das Doppelte.

Von seiner Biografie und seinem Netzwerk her ist es nicht unwahrscheinlich, dass Tafart diese Grenze einmal reißt. Zieht er dann aus?

"Warum sollte ich? Ich würde den höheren Preis bezahlen. Warum soll ich umziehen, mit all den Extrakosten für Makler, Provision, Kaution, wenn ich mich hier sauwohl fühle?" Er mag den Blick aus seiner ruhigen Wohnung auf den 500 Meter langen 12.-Februar-Platz, die Nähe zur U-Bahn und seine Nachbarn aus allen denkbaren Milieus.

Er ist nicht der einzige Bürgerliche im Bau. Rechtsanwälte, Ärzte, Notare gebe es hier, von denen jeder mehr verdiene als die gesamte Stiege und die - weil schon seit Jahrzehnten hier - nur halb so viel wie er zahlen würden.

Gekommen, um zu bleiben


Würden die vor höheren Mieten flüchten? "Das denke ich nicht. Für diese Menschen ist wohl die Lage und nicht der Preis ausschlaggebend. Der Gemeindebau ist lebenswert, auch für Reiche. Wenn man sich nicht wohlfühlt und sich so wie diese Mieter einen Umzug leisten kann, bleibt man nicht."

Tafart versteht nicht, warum sein Bau weiter oben in Döbling verschrien ist. Was manche als Ghetto empfinden, taugt ihm: Der Arbeitslose von Stiege 1, der so verlässlich auf seinem Bankerl hängt, wie die heroischen Stein-Figuren in der Fassade prangern, oder der monatliche Waschtag, bei dem Wiener Originale auf türkische Großfamilien treffen und mit Händen und Füßen zu einer gemeinsamen Sprache finden.

Doch wie würde es sich anfühlen, wenn die Stadt im Börsel schnüffelt? "Wenn sie wollen, wissen sie jetzt schon alles, wir sind doch gläsern. Rutsche ich drüber, dann zahle ich halt den neuen Preis. Und der alte ist dann weiterhin für jene, die sich sonst keine Wohnung leisten können."