Wien. In weißem Hemd und Tarnweste steht Mohamed M. in einem Raum, der so niedrig ist, dass sein Kopf beinahe an die Decke stößt. Während der linke Arm ruhig hängt, ballt der 29-Jährige regelmäßig die rechte Faust, ruft Anhängern mit wienerischem Akzent zu: "Was über uns gesagt wird, ist das Gleiche, was über den Propheten gesagt wurde. Auch er galt als Zauberer, als jemand, der Gehirnwäsche betreibt."

Gerne und oft beruft sich M. in seinen Videobotschaften auf das Leben von Mohammed, dem 632 verstorbenen Religionsstifter des Islam. Als "Austro-Islamist", "Hassprediger" und "Kinderzimmer-Jihadist" erlangte M. Bekanntheit. Wegen "Beteiligung an einer terroristischen Vereinigung" und Aufrufen zum "Heiligen Krieg" im Internet beantragte die Wiener Staatsanwaltschaft nun M.s Auslieferung aus der Türkei, wo er kürzlich verhaftet wurde. Die salafistische Ideologie des mittlerweile unter dem Pseudonym "Abu Usama al-Gharib" Auftretenden blieb gegenüber seinen Verbalinjurien vergleichsweise unbeleuchtet. Zu deren Feindbildern zählen Nichtmuslime genauso wie schiitische Muslime. "Salafisten wollen eine Gesellschaft errichten, welche der islamischen Urgemeinde zur Zeit des Propheten entsprechen soll. Durch ihr rigides Islamverständnis werden verschiedene Rechtsschulen und historische Entwicklungen der islamischen Theologie abgelehnt", erklärt der Politikwissenschaftler Thomas Schmidinger. Er widmet sich in seiner Studie "Integration und Politischer Islam" eingehend dem Zulauf zu salafistischen Gruppierungen und deren Rekrutierungstaktiken.

Vermeintliche Rettung

Erst seit 2009 spielen die Online-Netzwerke der Salafisten in Österreich eine Rolle. Die kleine, aber rasch wachsende Anhängerschaft - detaillierte Zahlen sind nicht verfügbar - rekrutiert sich oft aus Migranten der dritten Generation oder Konvertiten. "Viele Anhänger sehen den Salafismus als Rettung aus schweren psychischen Krisensituationen, Alkohol- und Drogenproblemen oder einer fundamentalen Perspektivlosigkeit", sagt Schmidinger. Insbesondere jugendliche Orientierungslose suchen in dem rigiden Wertekanon der Salafisten Halt, einer Gemeinschaft der vermeintlich einzig "wahren Gläubigen". Und durch die Selbstinszenierung als Outlaws, die gegen die vorherrschende säkulare Demokratie auftreten, widersetzen sie sich Staat und Gesellschaft. "Im Charakter als Jugendkultur und im rebellischen Gestus ähneln Salafisten anderen rebellischen Jugendkulturen wie den Punks. Im Unterschied zu ihnen vertritt der Salafismus aber eine totalitäre Ideologie, ist in autoritären Männerbünden organisiert und daher eher mit dem rechtsextremen Teil der Skinheads und ihren Kameradschaften vergleichbar", urteilt Schmidinger. Gewaltbereite Jihadisten stellen aber auch unter Salafisten nur eine Minderheit.

Hauptinstrument der Propaganda ist das Internet. In Chats und den sozialen Medien, von Facebook bis YouTube, missionieren die Salafisten offensiv, platzieren ihre Botschaften und geben sich gegenüber Interessenten aufgeschlossen. So bekennt sich etwa ein Ex-Nazi und früherer Boxer im Video zu Allah - auf Deutsch. Oft bieten Salafisten als einzige Informationen in deutscher Sprache an, die "hip" aufbereitet sind; etwa durch die Verwendung des Nasheed, eines religiösen Gesangs ohne Instrumentalisierung. Doch rufen die Nasheeds von Abou Maleeq, bekannt geworden als Berliner Hip-Hopper, offen zum bewaffneten Kampf auf und verbinden pro-
jihadistischen Salafismus mit Ghetto-Jugendkultur.

"Sprücheklopfer" M.

Wegen Drohvideos gegen Österreich und Deutschland stand Mohamed M. bereits 2008 vor Gericht. Nach Absitzen der Haftstrafe zog er 2011 nach Deutschland, wo er laut Behörden "mit erheblicher Intensität zu Gewalttaten" aufgerufen" hat. Der Abschiebung nach Österreich entkam M., indem er sich nach Kairo absetzte. Einem Medienbericht zufolge wollte er via Türkei nach Syrien einreisen, wo seit zwei Jahren ein blutiger Bürgerkrieg tobt, an dem auch radikalislamische Kämpfer beteiligt sind. "M. ist ein Sprücheklopfer und Narzisst", sagt Claudia Dantschke, Mitarbeiterin am Berliner Zentrum Gesellschaft Demokratische Kultur, gegenüber der "Wiener Zeitung". Ähnlich urteilt Politikwissenschaftler Schmidinger: "M. ist vor allem ein maßloser Selbstdarsteller, der seine offensichtlichen psychischen Defizite dadurch zu kompensieren versucht, dass er sich als besonders gefährlicher Jihadist in Szene setzt. Viel mehr an Motivation kann ich nicht erkennen."

Während M. mit immer radikalerer Rhetorik versucht hat, sich einen Namen in der salafistischen Szene zu machen, ist Ahmad Mansour der Ausstieg geglückt. Als schüchterner 13-Jähriger in einem arabischen Dorf nahe Tel Aviv war er froh, als ihn der Imam ansprach. "Attraktiv waren der Zusammenhalt der Gruppe, der erhebende Anspruch, das Leben des Propheten Mohammeds nachzuahmen, die Orientierung und Struktur, die ich erlebte. Ich bekam das Gefühl, im Besitz einer überlegenen Wahrheit zu sein, die anderen verborgen war", erzählt er in einem Kommentar für den Berliner "Tagesspiegel". Mit dem Psychologiestudium an der Universität Tel Aviv löste er sich von der Autorität des Imams, seit acht Jahren lebt er in Deutschland und arbeitet mit Claudia Dantschke am Zentrum Gesellschaft Demokratische Kultur.