Wien. Individualisierung, das pädagogische Konzept der Neuen Mittelschule (NMS) und Argument für kleinere Klassen, hat auch Nachteile. Das geht zumindest aus einer Studie der Pädagogischen Hochschulen (PH) Kärnten, Vorarlberg und Wien hervor. "Mit dem Blick auf Individualisierung und Heterogenität läuft man Gefahr, die ,klassischen‘ sozialen Differenzen wie Geschlecht, ethnische und soziale Herkunft aus dem Blick zu verlieren. Diese sind aber (mit)entscheidend für den Lernerfolg und haben herzlich wenig mit Individualität zu tun", sagt einer der Studienautoren, Michael Sertl von der PH Wien.

Bei Individualisierung soll der Lehrer den Lernstand jedes Schülers kennen und bei Bedarf fördern. Oft wird auf Methoden des "offenen Lernens" gesetzt: Schüler arbeiten in Projekten, können sich ihr Arbeitspensum frei einteilen und auf ihre Interessen und Fähigkeiten abgestimmt Aufgaben lösen. Damit sollen alle Schüler bestmöglich gefördert werden. Die Erwartungen der Lehrer an die Leistungsfähigkeit ihrer Schüler greifen freilich häufig auf Normalitätsvorstellungen zurück, die sie aus ihrer eigenen familiären Sozialisation und ihrem eigenen (Mittelschicht-)Milieu mitbekommen haben.

Probleme schwacher Schüler werden eher größer

Das pädagogische Konzept der Individualisierung schade Kindern aus bildungsfernem Elternhaus mehr als es ihnen nutze, verweist Sertl auf neue Studien. "Es gibt keine einzige empirische Untersuchung nach Lernleistung, die nachweisen könnte, dass individualisierende Lernformen den Schwachen zu besseren Ergebnissen verhelfen. Aber es gibt genug empirische Beweise, dass sie die Probleme der lernschwachen Kinder eher noch vergrößern."

Als Grund dafür sieht Sertl die unterschiedlichen Vorkenntnisse: Für offenes Lernen brauche man Fähigkeiten wie Selbständigkeit und Selbstorganisation, diese Fähigkeiten repräsentierten freilich ein Regel- und Normensystem, das typisch für die Mittel- und Oberschichterziehung sei. Kinder aus der Unterschicht seien hier systematisch benachteiligt. "Lernschwache und leistungsschwache Kinder mit schlechten familiären Voraussetzungen brauchen einen stark strukturierten Unterricht, der auf sie eingeht", so Sertl. "Das ist alles andere als offener Unterricht und nur bis zu einem gewissen Grad individualisierend."

Auch der deutsche Bildungsökonom Guido Schwerdt hat unlängst festgestellt, dass gute Lehrer mit Frontalunterricht positivere Effekte erzielen als schlechte Lehrer mit individualiserenden Lernformen (die "Wiener Zeitung" berichtete am 8. Februar 2013).