Wien. Joel Rubinfeld, Co-Chairman des "European Jewish Parliament", reiste diese Woche nach Wien, um an der Eröffnung des Ersten European Jewish Choirs Festival teilzunehmen. Seine tägliche Arbeit gilt vor allem dem Kampf gegen Antisemitismus in Europa.

"Wiener Zeitung":Das European Jewish Parliament ist eine sehr junge Institution. Wie wurden die Abgeordneten gewählt und welche Aufgaben hat es sich gestellt?

Joel Rubinfeld: Das European Jewish Parliament wurde vor eineinhalb Jahren gegründet und hat einen sehr innovativen Weg aufgezeigt, wie man eine solche Einrichtung aufbauen kann. Dem Parlament gehören 120 Abgeordnete aus 45 Ländern an. Sie wurden jeweils von den Mitgliedern ihrer nationalen jüdischen Gemeinde über das Internet gewählt, wobei es allerdings keine vorgegebene Kandidatenliste gab. Jeder wählte den aus seiner Community, den er für diese Aufgabe für am geeignetsten hielt. Nun haben wir unter diesen 120 Abgeordneten Kulturschaffende wie Roman Grinberg, der nun dieses große jüdische Chorfestival in Wien initiiert und organisiert hat, Rabbiner und viele andere. Diese Vielfalt ist ein großes Plus. Die Dynamik, die sich hier entwickelt hat, ist fantastisch.

Wie oft kommt das Parlament zusammen?

Alle drei Monate kommen die Abgeordneten zusammen, meist in Brüssel, zuletzt aber auch in Krakau. Das war ein wichtiges Signal. In Auschwitz wurden über eine Million Juden ermordet. Und auf der anderen Seite sehen wir, wie in Polen wieder neues jüdisches Leben entsteht. Es gibt aber nicht nur das Plenum, sondern auch acht Ausschüsse, die sich mit Themen wie Antisemitismus, Israel und der Mittlere Osten, Kultur, Jugend aber auch interreligiöser Dialog mit Christen und Muslimen beschäftigen. Die Mitglieder dieser Ausschüsse tauschen sich regelmäßig aus - in der Regel via Skype und Internet.

Und wie sieht Ihre tägliche Arbeit aus?

Ich treffe in Brüssel laufend Vertreter verschiedener europäischer Institutionen. Ich bin aber auch viel unterwegs, zu Besuchen in jüdischen Gemeinden in Europa, aber treffe auch Regierungsvertreter. Es geht darum, ein Bewusstsein für die Bedürfnisse und Probleme der europäischen Juden zu schaffen.

Die Reisen der 120 Abgeordneten, der Aufbau einer Infrastruktur - das kostet viel Geld. Wer finanziert das?

Zwei ukrainische Philanthropen, die auch hinter der Gründung des European Jewish Parliament stehen: Vadim Rabinovich, Co-Vorsitzender des Parlaments, und Igor Kolomoisky, der Präsident der European Jewish Union. Sie haben verstanden, dass es wichtig ist, darauf zu achten, dass es in Europa auch weiterhin jüdisches Leben gibt. Und sie haben die Mittel dazu, das Judentum zu promoten. Wenn man sich übrigens ansieht, woher die großen Initiativen für das Judentum in Europa in den letzten fünf, zehn Jahren kommen, muss man sagen: aus dem Osten. Hier hat sich etwas geändert. Auch der jetzige Präsident des European Jewish Congress, Moshe Kantor, kommt aus Russland. Im Westen ist man nun seit vielen Jahrzehnten an die Demokratie gewöhnt. Rabinovich, Kolomoisky, Kantor: Sie wissen, was es heißt, in einem totalitären Regime zu leben. Und sie wissen: Man muss aktiv werden, wenn man etwas verändern will.

Wie ist das Verhältnis des European Jewish Parliament zum European Jewish Congress?

Ich sehe das Parlament, den Kongress, alle jüdischen Organisationen mit denselben Zielen als Partner. Wir sitzen im selben Boot. Der Feind ist draußen. Der Name des Feindes lautet Antisemitismus. Dieser ist in Europa im Steigen. Juden in Paris, Brüssel, London haben Angst, auf der Straße Kippa zu tragen. Vor zehn Jahren dachte ich, so etwas würde ich nur in Geschichtsbüchern lesen. Heute ist dies Alltag. Das ist nicht akzeptabel. Wir müssen hier in den europäischen Institutionen, aber auch bei Christen, Muslimen Verbündete in diesem Kampf suchen. Leider kommt ein Großteil des heutigen Antisemitismus von muslimischer Seite. Es gibt aber auch Role Models in der islamischen Welt wie den Imam der französischen Stadt Drancy, Hassen Chalghoumi, der kürzlich mit einer Delegation die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem besuchte.

In vielen europäischen Parteien gibt es ein starkes Bewusstsein, dass man Nazismus bekämpfen muss. Die Abgrenzung zur Hamas und zur Hisbollah fällt oft nicht so klar aus. Sie sind aber die Nazis des 21. Jahrhunderts. Man muss nicht deutsch sprechen, um ein Nazi zu sein.

Diese Woche kam der Jüdische Weltkongress in Budapest zusammen und zeigte damit auch Solidarität mit Ungarns Juden, die mit massivem Antisemitismus konfrontiert sind. Sieht Europa, was hier vor sich geht?

Die EU weiß genau, was hier passiert. Aber sie tut nichts. Weil sie den Weg nicht zu Ende gehen will. Warum? Wenn sie die europäischen Werte als Maß nimmt, müsste sie Ungarn ausschließen. Das wäre das erste Mal. Da würde die Büchse der Pandora geöffnet. Die EU weiß, dass das gefährlich ist. Und man muss auch sagen: Ungarn ist ja nur die Spitze des Eisbergs. In Griechenland gibt es mit "Goldene Morgenröte" eine Partei, die sich darüber freut, wenn man sie mit den Nazis vergleicht.