Wien. Der 2007 verstorbene Holocaust-Überlebende und Begründer des "Jewish Welcome Service", Leon Zelman, hat seine Hoffnung stets in die Jugend gesetzt: Sie trage die Verantwortung für eine Gesellschaft ohne Antisemitismus, Rassismus und Diskriminierung. "Der Verein Gedenkdienst steht für diese Jugend", begründet der frühere Chefredakteur der "Jerusalem Post", Ari Rath, bei der Verleihung des ersten "Leon Zelman Preises für Dialog und Verständigung" an den Verein im Wiener Rathaus die Entscheidung der Jury.

Der Verein Gedenkdienst setzt sich mit den Ursachen und den Folgen des Nationalsozialismus auseinander. Seit 1992 entsendet er Freiwillige - zumeist zivildienstpflichtige junge Männer, aber auch Frauen - in Einrichtungen auf der ganzen Welt, in denen Holocaust-Überlebende betreut werden. Ebenso werden sie in Archive und Museen geschickt, die sich mit dem Thema befassen.

Der Verein Gedenkdienst habe Symbolcharakter, wofür Zelman eingetreten ist, betonte die Historikerin Heidemarie Uhl in ihrer Laudatio. Es gebe nicht mehr viele Zeitzeugen, die den nächsten Generationen ihre Erfahrungen schildern können. In der Holocaust-Vermittlung gelte es daher, neue Formen zu finden. "Und der Gedenkdienst steht für diese neuen Formen", so Uhl. Hier würden sich junge Leute engagieren und von sich aus etwas bewegen.

Und, so die Historikerin weiter: "Die Gedenkdiener sind Botschafter eines neuen Österreich: eines Österreich, das sich der Verantwortung seiner Geschichte stellt und daraus einen Auftrag für die Gegenwart ableitet. Das Engagement für die Überlebenden des Holocaust, für die Bewahrung ihrer Erfahrungsgeschichte und für die Vermittlung und Weitergabe an die nächste Generation verbindet die österreichischen Gedenkdiener mit dem Lebenswerk von Leon Zelman."

Im Rahmen der Preisverleihung wurde auch ein ORF-Beitrag gezeigt, der unmittelbar nach Zelmans Tod ausgestrahlt wurde. Darin erzählt er, dass es nicht mit Mauthausen und auch nicht mit Auschwitz begonnen habe, "es hat begonnen mit Intoleranz, Ausgrenzung, Hass gegen Menschen". Nicht nur diese Passage hinterlässt die Besucher - neben der Familie Zelmans sind auch viele Wegbegleiter aus Wiens jüdischer Gemeinde gekommen - gerührt.

Wunschbild Österreich

Zelman, der stets um Versöhnung bemüht war und mit dem "Jewish Welcome Service" vielen ehemals aus Wien vertriebenen Jüdinnen und Juden einen Besuch in der alten Heimat ermöglichte, um ihnen zu zeigen, dass es ein neues Österreich ist, hatte allerdings auch ein "Wunschbild von der österreichischen Gesellschaft", wie es "Falter"-Chefredakteur Armin Thurnher, der Zelmans Lebenserinnerungen geschrieben hat, kurz nach Zelmans Tod formulierte. Mit der Waldheim-Affäre, mit Jörg Haiders Sager von der "ordentlichen Beschäftigungspolitik" sei dieses Wunschbild ins Wanken geraten.

"Wir möchten einen Beitrag zur Bekämpfung von Faschismus, Rassismus und anderen Formen der Diskriminierung leisten und demokratische Werte sowie Menschen- und Minderheitenrechte stärken", betonte Adalbert Wagner, Obmann des Vereins Gedenkdienst, der den Preis entgegennahm. Leere Phrasen und Worthülsen, wie sie bei diesem Thema oft verwendet würden, fehle es an Resonanz. "Für uns ist der Gedenkdienst ein ,commitment‘, ein Bekenntnis also."

Und man versuche, einen Weg zu gehen, in dem innerhalb des Vereins eine Generation stets die nächste abwechsle. Die Einrichtung stehe aber auf wackeligen finanziellen Beinen. "Jeder Antrag ist eine Zitterpartie", sagt Wagner. Insofern freue sich das Team nicht nur über diese inhaltliche Würdigung, sondern auch über die Dotierung des vom Jewish Welcome Service verliehenen Preises mit 5000 Euro.