Wien. "Unsere Stadt! Jüdisches Wien bis heute." wird schon bald auf einer Reihe von Plakatsujets zu lesen sein, die ein wenig vorwegnehmen, was das Jüdische Museum in Wien ab Mitte November seinen Besuchern bieten wird. Das Straßenschild mit der Aufschrift "Dr. Karl Lueger-Ring" zum Beispiel, das Fahrrad, mit dem einst Theodor Herzl durch Aussee radelte, eine Aufnahme der erfolgreichen Hakoah-Schwimmerinnen von einst.

Chefkurator Werner Hanak-Lettner überraschte bei der Präsentation des Ausstellungskonzepts am Donnerstag in Wien mit einer unerwarteten Herangehensweise an das Thema: Am Anfang steht die Gegenwart - die Vergangenheit rückt in den Hintergrund. Gegenwart: Das ist hier die Geschichte der jüdischen Gemeinde in Wien nach 1945. Sie steht künftig im Mittelpunkt, sobald der Besucher das Palais in der Dorotheergasse betritt. "Skizziert wird der schwierige Weg einer im Jahr 1945 total zerstörten jüdischen Gemeinde, die 1938 - sieben Jahre zuvor - noch die größte deutschsprachige und die drittgrößte Gemeinde Europas gewesen ist, bis zur ihrer heutigen überschaubaren, aber lebendigen Präsenz", betonte Hanak. Was dabei unmissverständlich ausgedrückt werden soll: "Dass die jüdische Gemeinde nach dem Zweiten Weltkrieg nicht auf die Unterstützung der österreichischen Regierungen zählen konnte - im Gegenteil", sagt Museumsdirektorin Danielle Spera.

Dunkle Flecken

Heute will sich die Politik engagiert zeigen. Kulturministerin Claudia Schmied betonte, dass Wien und das Judentum eine untrennbare Geschichte hätten, "auch wenn diese über weite Strecken keine schöne war". Es gehöre eben auch zu einer aufgeklärten Gesellschaft, sich mit den dunklen Flecken zu befassen, und das Jüdische Museum biete Raum dafür. Auch Wiens Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny betonte: "Mit dem intensiven Blick auch auf die Jahre ab 1945 wird das Jüdische Museum Wien zu einem der wenigen Ausstellungsorte, an dem die österreichische Zeit- und Gegenwartsgeschichte thematisiert und dargestellt wird. Dieser Zugang zeigt nicht nur, dass es heute in Wien wieder eine vitale jüdische Gemeinde gibt, die regen Anteil am Leben dieser Stadt nimmt, sondern er verdeutlicht auch, dass sich Wien nicht nur mit der Vergangenheit bis 1945, sondern mit der Nachkriegszeit kritisch auseinandersetzt."

Der kritische Blick: Er wird den Umgang mit Restitution ebenso offenlegen wie den Wandel in der Wahrnehmung Österreichs als Opfer von Hitler-Deutschland. Er wird aber auch zeigen, dass die heutige Wiener jüdische Gemeinde nur entstehen konnte, weil es Zuwanderer gab: unmittelbar nach der NS-Zeit aus den Ländern der ehemaligen Donaumonarchie, in den vergangenen Jahrzehnten aus den Ländern der früheren Sowjetunion. Migration spielt aber nicht nur in der Geschichte der Gemeinde, sondern auch bei der Vermittlung eine wichtige Rolle, wie der Zeithistoriker Oliver Rathkolb vermerkt. Er ist auch Mitglied des wissenschaftlichen Beirats des Museums. Viele Schüler, die heute das Museum besuchen, verfügen über eine gänzlich andere Herkunftsgeschichte als noch vor einer Generation.

Auch wenn die neue permanente Schau mit der Gegenwart beginnt, wird die Vergangenheit nicht zu kurz kommen. Im zweiten Stock des Hauses werden die Schlaglichter auf die früheren jüdischen Gemeinden in Wien gerichtet: die mittelalterliche Gemeinde, das Ghetto im Unteren Werd im 17. Jahrhundert sowie die sogenannte "Dritte Gemeinde" um 1900. Dieser Teil der Ausstellung endet mit der Schoa. Bereits umgestaltet wurde das Schaudepot, im Atelier kann man sich einen Überblick über den jüdischen Lebenskreislauf verschaffen.

600.000 Euro kostet die neue Dauerausstellung, 300.000 davon kamen vom Kulturministerium, 150.000 von der Stadt Wien. Der Rest wurde vom Nationalfonds, dem Verein der Freunde des Jüdischen Museums und Sponsoren aufgebracht.