Wien. Die Grünen können einem leidtun. Sie haben Landesregierungen erobert, schwingen sich in Umfragen zu neuen Höhen auf und werden nach Jahrzehnten medialer Prügelorgien von der "Kronen Zeitung" gestreichelt. Alles scheint möglich.

Dann unterbricht ein Satz ihres türkischstämmigen Bundesrates Efgani Dönmez den Höhenflug der Glawischnig-Airline wie ein Blitzeinschlag: "Schickt die Pro-Erdogan-Demonstranten mit einem One-Way-Ticket in die Türkei." Eine ganze Partei gerät ins Trudeln, schwankt zwischen Schockstarre, Wut und Scham. Ein Wiener Landessprecher ruft: "Fuck you Dönmez!", ein alter Partei-Hase schämt sich leise für den "Dummkopf", die Chefin schweigt - dann diktiert sie Dönmez eine Entschuldigung.

In diesem Luftloch wird der schlimmste grüne Alptraum wahr: Applaus von den Blauen. In sarkastischen Aussendungen bietet die FPÖ Dönmez Asyl an. Die Partei, die für alles steht, das die Grünen ablehnen, schreit: Mehr, mehr, mehr!

Der Bundesrat entschuldigt sich, legt aber in Wirklichkeit nach: "Wer einen autoritär-islamischen Führungsstil unterstützt und diesen politisch auch in Österreich salonfähig machen möchte, tritt in krassem Widerspruch zu unseren demokratischen Grundwerten." Dann nimmt auch noch Grünen-Urgestein Peter Pilz den Ball auf. Er fragt, ob Fans des autoritären türkischen Staatschefs wirklich die Staatsbürgerschaft verdienen?

Wieder blauer Jubel, wieder grüne Scham. Der Alptraum geht weiter. Was passiert da? Was ist das für eine seltsame blau-grüne Allianz? Was bricht da auf? Die Causa Dönmez wird in wenigen Tagen vergessen, so wie frühere Sager des grünen Querkopfes. Gleichzeitig ist sie ein weiteres Kapitel in der langen Geschichte der linken Realitätsverweigerung in der Migrationspolitik, durch Grüne wie durch SPÖ. Beispiel für die SPÖ gefällig? Norbert Ceipek. Der angesehene Sozialpädagoge beschwerte sich über "Roma-Clanchefs, für die das Elend der Kinder ein Geschäftsmodell sind" und erntete ein Sprechverbot seines Arbeitgebers, der Stadt Wien. Dazu kamen Rassismusvorwürfe Sonderzahl. "Nur keine rechten Reflexe bedienen", schallte es ihm entgegen. Hier kommt die seltsame grün-blaue Allianz in abgewandelter Form ins Spiel.

These 1: Die FPÖ ist der verlässlichste Schutzschild vor mühsamen Debatten

Seit Jörg Haider die FPÖ 1986 zu einer nationalpopulistischen Partei gemacht hat - mit den Ausländern als verlässlichstes Feinbild -, dienen die Blauen den Grünen und der SPÖ als verlässlichster Schutzschild vor mühsamen Debatten, wenn es um Missstände in migrantischen Communities geht. "Da können wir nichts gewinnen, da gewinnt nur der Haider", lautete der common sense bei der SPÖ, wenn es etwa um die Deutschpflicht für Ausländer ging. Wie "wenig" man mit dem Migrantenthema gewinnt, wenn man es nüchtern angreift, zeigt Integrationsstaatssekretär Sebastian Kurz. Er ist der beliebteste Politiker.

Bei den Grünen schreibt der wortgewandte burgenländische Abgeordnete und grüne Ober-Twitterant Michel Reimon: "Strache schafft es derzeit nicht, das ,Ausländerthema‘ hochzuziehen. Und ich werde ihm nicht dabei helfen."

"Wir machen nicht das Geschäft der FPÖ." Das ist seit Jahrzehnten die Lizenz zum Wegschauen. Als der Politologe Thomas Schmidinger für sich beschloss, eine breite und kritische Auseinandersetzung mit dem Islam in Österreich sei überfällig und auch schwulenfeindliche, frauenfeindliche oder antisemitische Strömungen thematisierte, bekam er von Grünen und manchen Roten zu hören: "Du lieferst nur der FPÖ Argumentationsfutter." Er geriet gar in den Generalverdacht der Islamophobie. "Die sind Opfer von Rassismus. Den Rassismus muss man thematisieren und nicht die Einstellung und Lebensweise der Rassismus-Opfer." So fasst Schmidinger die Logik hinter der Diskussionsverweigerung heute zusammen.

These 2: Wer Migranten als Opfer behandelt, behandelt sie als Bürger zweiter Klasse

In Österreich leben rund 250.000 Menschen türkischer Abstammung. Die Wurzeln der Familien in der Alpenrepublik reichen bis in die 60er zurück. Sie sind Österreich. Genauso wie der Ungarflüchtling von 1956, der "Ziegelböhm" von 1900 sowie alle anderen Österreicher, deren Migrationshintergrund noch weiter zurückreicht. Entspricht es nicht einer Zwei-Klassengesellschaft, wenn ich die einen weniger kritisiere als die anderen? Ist es nicht eine Form von Abgehobenheit, einen Teil Österreichs unter Opferschutz zu stellen und ihm Kritik zu ersparen? Nehme ich diesen Teil dann überhaupt ernst?

Wenn irgendein FPÖ-Funktionär in Traismauer auf Facebook schreibt, er könne auf die Hilfe von jungen Muslimen, die ihre Hilfe beim Hochwasser anbieten, gerne verzichten, erntet die ganze Partei einen Shitstorm, der den Mann aus seinem Büro spült. Am rechten Rand funktioniert der Abwehrmechanismus der offenen Gesellschaft schon sehr gut.

Wenn in Internetforen Frauen ohne Kopftuch als Huren beschimpft oder Juden von Muslimen als Schuldige für die Finanzkrise gebrandmarkt werden, bleibt es hingegen seltsam ruhig. Natürlich ist die Botschaft aus Traismauer leichter zu entschlüsseln. Aber: Was ist mit den Moscheen, Kulturvereinen oder Hinterzimmern, in denen ähnliches Gedankengut verbreitet wird? Sie sind eine Randerscheinung. Aber es gibt sie. Genügt es, wenn der Verfassungsschutz ein Auge darauf hat? Oder ist nicht auch hier ein Shitstorm fällig?