Wien. Die einen haben Berührungsängste, die anderen Verständigungsprobleme. In jedem Fall aber stellt die Behandlung eines Menschen mit Beeinträchtigungen Ärzte vor eine besondere Herausforderung. Die Österreichische Ärztekammer (ÖÄK) und Behindertenverbände fordern daher, dass der Umgang mit den unterschiedlichen Beeinträchtigungsformen fixer Lehrinhalt in der Medizinerausbildung wird.

Vor allem Hausärzte sollen diesen in einem von der ÖÄK schon lange geforderten, verpflichtenden Praxisjahr erlernen. Ob die freilich zeitintensivere Patienten-Behandlung auch höher entlohnt werden könnte, ist bei der derzeitigen finanziellen Situation der Krankenkassen zwar eher unwahrscheinlich - die Wiener Gebietskrankenkasse etwa ist mit rund 200 Millionen Euro verschuldet. Die Gesundheitsreform könnte allerdings Spezialtarife ermöglichen. "Zum Beispiel, indem es Projekte zwischen Kassen und Ländern und damit verbundene Kofinanzierungen gibt", sagt Peter Scholz von der Abteilung Vertragspartner Ärzte im Hauptverband der Sozialversicherungsträger zur "Wiener Zeitung".

Auch Älteren wäre geholfen

Laut ÖÄK wäre damit einer breiten Palette an Patienten geholfen. "Es sind ja nicht nur Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen - rund 50.000 in Österreich -, die besondere Bedürfnisse haben", heißt es. Vielmehr seien Hausärzte mit einer Vielzahl an Patienten konfrontiert, denen etwa aufgrund ihrer Krankheit oder ihres Alters die Behandlungsform und Medikamenteneinnahme in besonders einfachen, klar verständlichen Sätzen erklärt werden muss.

Derzeit werden lediglich Fortbildungskurse im Rahmen der Österreichischen Akademie der Ärzte angeboten, die Mediziner in dieser Hinsicht schulen. Auch die Wiener Ärztekammer will derartige Kurse laut Präsident Thomas Szekeres anbieten.

Behindertenverbänden ist das zu wenig. Sowohl die Lebenshilfe als auch die Gesellschaft VUP ("Very Unequal People"), die die medizinische Versorgung von Menschen mit Behinderung fördert, machen sich für die studentische Ausbildung für den Umgang mit beeinträchtigten Patienten stark - sowohl für Haus- als auch für Spitalsärzte. VUP-Präsident Franz Zdrahal war selbst langjähriger Spitalsarzt. Und weiß, "wie sehr jemand stört, der zum Beispiel laut herumschreit" - und, wie hilflos Ärzte oft sind. Sein Traum: "Ein Schwerpunktspital für Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung, wo nicht nur adäquat ausgebildete Ärzte, sondern auch Behindertenpädagogen arbeiten." Derzeit bieten nur die Barmherzigen Brüder in Wien Ambulanztermine an, und am Rosenhügel gibt es eine neuropsychiatrische Abteilung, wo behinderte Menschen stationär aufgenommen werden.

Ein massives Problem stellen laut Zdrahal Zahnbehandlungen dar. Sie werden ausschließlich im Spital Hietzing unter Vollnarkose durchgeführt und sind mit monatelangen Wartezeiten verbunden. Erst seit Mitte Mai ist auch im SMZ Ost eine solche Zahnbehandlung möglich. Bei akuten Fällen müssen Patienten aber noch immer mit Antibiotika und Schmerzmitteln bis zum nächsten freien Termin ausharren.

Barrierefrei bis 2016

Ob ihnen künftig mehr Spitals- und Praxentüren offenstehen, weil Ärzte adäquat ausgebildet werden, bleibt jedoch ungewiss. Denn: Das Wissenschaftsministerium gibt den Ball weiter. "Die Gestaltung der Curricula im Bereich der Humanmedizin fällt in die Zuständigkeit der Universitäten", heißt es. An der MedUni Wien etwa müsse der Block "Ärzt/in und Ethik, chronische Erkrankung, Behinderung, der alte Mensch" verpflichtend absolviert werden. Weitere Verbesserungen in diesem Gebiet sind auch laut Ministerium erstrebenswert.

Zumindest was den rein architektonischen barrierefreien Zugang zu Praxen angeht, ist schon ein Ziel in Sicht: Für Patienten mit eingeschränkter Mobilität müssen bis 2016 sämtliche Ordinationen im niedergelassenen Bereich leicht zugänglich sein.