Wien. In den Lokalen in der Servitengasse wird gerade das vormittägliche Frühstück serviert. Fast nirgendwo sonst lässt sich in Wien der bourgeoise Schick in derart hohen Dosen konsumieren. Einmal ums Eck und ein paar Stufen hinunter steht man auf einmal in einer anderen Welt. Im dunklen, feuchten Kellergewölbe des Servitenklosters sind seit Monaten Flüchtlinge untergebracht, zuletzt schliefen hier 47 Asylwerber vor allem aus Pakistan, Afghanistan und dem Sudan.

Am Montagvormittag sind die meisten Betten leer, nur ein paar Bewohner schlafen noch, geschwächt vom Fasten und der Hitzewelle. Acht Bewohner werden gar nicht mehr zurückkommen, sie wurden am Montag um halb neun mit großem Polizeiaufgebot zum Flughafen transportiert, um von dort nach Pakistan geflogen zu werden. Für sie ist Realität geworden, wovor sich alle hier lebenden Flüchtlinge ängstigen: die Abschiebung.

Abschiebungen aus Österreich nach Pakistan sind selten, im Vorjahr betraf es nur drei Flüchtlinge, in diesem Jahr sind es schon 16. Doch etwas ist anders. Die Abschiebungen wurden diesmal von massiven Protesten begleitet. Auf dem Flughafen und vor dem Anhaltezentrum der Polizei demonstrierten den ganzen Tag Aktivisten, Menschenrechtsorganisationen übten Kritik, ebenso Grün-Politiker und Teile der Gewerkschaft, die FPÖ applaudierte wiederum und forderte weitere Abschiebungen.

Und noch etwas ist anders: Christoph Kardinal Schönborn, der in Brasilien weilte, äußerte sich erzürnt: "Wir haben in den vergangenen Monaten immer wieder darauf hingewiesen, dass die menschenrechtliche Beurteilung Pakistans als sicheres Abschiebeland nicht den Tatsachen entspricht. Ich mache mir große Sorgen um das Leben der Flüchtlinge. Ich stelle auch die Frage, ob es eine Rolle gespielt hat, dass Wahlkampfzeit ist."

Kardinal übt heftige Kritik

Nicht zuletzt die ungewohnt scharfe Rhetorik des Kardinals beweist, dass die Flüchtlinge, die die Erzdiözese Wien ins Servitenkloster eingeladen hatte, längst zu einem Symbol geworden sind. Im November war eine Gruppe von Asylwerbern von Traiskirchen in einem Protestmarsch nach Wien gezogen und hatte sich im Votivpark, später dann in der Votivkirche niedergelassen. Zum ersten Mal hatten Flüchtlinge konzertiert gegen das Asylwesen, ihre Unterbringung, ein unzureichendes Angebot von Dolmetschern oder auch für eine Arbeitserlaubnis protestiert. Zeitweise waren einige Flüchtlinge auch in Hungerstreik getreten.

Die Caritas war bald erster Ansprechpartner für die Flüchtlinge, sie organisierte Hilfe und vermittelte, was gerade in den ersten Monaten wichtig war, nachdem von mehreren Seiten versucht wurde, den Protest der Asylwerber für eigene Zwecke zu instrumentalisieren. Nach wie vor kümmert sich die Caritas um die Flüchtlinge im Servitenkloster.

"Wir wurden von den Behörden falsch informiert", sagte Geschäftsführer Klaus Schwertner. Diese hätten ihm gegenüber erklärt, dass keine Abschiebungen bevorstünden. Dann ging aber alles sehr schnell. Von der pakistanischen Botschaft hatten acht Flüchtlinge Heimreisezertifikate ausgestellt erhalten, also Dokumente, die den Pass ersetzen und eine Abschiebung erst möglich machen. Diese erfolgte nur wenige Tage später.

"Keine Einmischung"

Eine Einmischung aus wahltaktischen Gründen, wie es auch Kardinal Schönborn insinuiert hatte, dementierte Innenministerin Johanna Mikl-Leitner entschieden. Sie mische sich nicht in die Verfahren ein, erklärte sie. Schwertner von der Caritas glaubt nicht so recht daran: "Wer da an einen Zufall denkt, ist naiv."

Auffällig war jedenfalls, dass ausgerechnet am Sonntag, als die Flüchtlinge festgenommen wurden, die "Kronenzeitung" über die aktuelle Asylstatistik berichtete und darin einen "dramatischen Anstieg" von Asylanträgen erkannte. Die Zahlen belegen zwar, dass diese Interpretation von Fantasie getragen ist - 2012 waren 17.413 Anträge abgegeben worden, im ersten Halbjahr 2013 weniger als die Hälfte davon -, doch in einem Kommentar der gleichen Ausgabe wurde auch der "Fall Votivkirche" wieder thematisiert. Stunden später waren acht Pakistani im Polizeianhaltezentrum.

"Es ist kein dramatischer Anstieg, und es ist wirklich zynisch, wenn man an die Flüchtlingslager in Jordanien denkt", ärgert sich Schwertner. Der Bürgerkrieg in Syrien hat mehr als eine halbe Million nach Jordanien flüchten lassen, ein Land, das deutlich weniger Einwohner hat als Österreich.

Der Protest der Flüchtlinge, der nach Ansicht der Caritas auch nach den jüngsten Ereignissen weitergehen wird, war vor allem von Pakistanis getragen worden. Das hängt wohl einerseits mit ihrer guten Bildung zusammen, andererseits aber auch mit den geringen Anerkennungsquoten für pakistanische Asylwerber. Nur ein Prozent aller Anträge werden positiv beschieden, also gemäß Genfer Konvention anerkannt, subsidiären Schutz erhalten auch nur ganz wenige, obwohl das Außenministerium für einzelne Regionen eine Reisewarnung herausgegeben hat und dem Rest des Landes eine "hohe Sicherheitsgefährdung" attestiert.