Wie sollte diese Vision aus Ihrer Sicht aussehen?

Es geht zuvorderst darum, eine Form des Kapitalismus zu entwickeln, der auch für die breite Masse der Bürger attraktiv ist und ihnen eine bessere Zukunft verspricht. Es geht darum, mehr Eigentum, mehr Innovationen zu schaffen, in lebenslanges Lernen zu investieren. Und: Der Wohlfahrtsstaat muss wieder zusehends auf Beiträgen beruhen, nach dem Motto: Was man einzahlt, das bekommt man auch wieder heraus. Dieses Prinzip muss die Unmenge an Subventionen ersetzen, die insbesondere auch über der Mittelklasse ausgeschüttet werden. Wenn es den Konservativen nicht gelingt, ein neues Modell für den Staat, eine neue Form für die Wirtschaft zu kreieren, die den Menschen helfen, Wohlstand, Innovationen und Bildung zu verteilen, bleiben sie Gefangene der Vergangenheit und werden Wahlen verlieren. Und im Gegenzug wird die reaktionäre, extreme Rechte profitieren. Wir erleben das in Österreich genauso wie in Frankreich, Italien, Dänemark und jetzt auch in Griechenland.

Was würden Sie aus der Ferne Michael Spindelegger, dem christdemokratischen Kanzlerkandidaten der ÖVP, empfehlen, um die Nationalratswahlen am 29. September zu gewinnen?

Er sollte sich auf das konzentrieren, was Österreich in der Vergangenheit so einzigartig gemacht hat. Wir vergessen viel zu oft, dass Österreich in den 80er und 90er Jahren des 19. Jahrhunderts die Heimat des modernen europäischen Wettbewerbsrechts war. Ich würde dem ÖVP-Kandidaten deshalb empfehlen, eine massive Offensive für Kleinunternehmen zu fahren, mit einem Bildungs-, Kapital- und Strukturplan, der es Menschen ermöglicht, mit ihren kleinen Unternehmen erfolgreich zu sein. Es sind diese Firmen, die neue Jobs hervorbringen. Viel zu viele Länder, auch in Europa, kümmern sich nur um das Wohl der großen Konzerne. Das hat sich als Holzweg erwiesen, weil dadurch die überwiegende Mehrzahl der Menschen keine Unternehmer oder Händler mehr sind, sondern nur noch Arbeitskräfte.

Stattdessen sollten wir jedoch dafür sorgen, dass es mehr Kapitalisten im besten Wortsinn gibt, also Unternehmer und Eigentümer. Wir müssen die Marktwirtschaft wieder populär machen. Wenn wir ein Europa erschaffen, welches fast nur noch aus Arbeitnehmern besteht, dann haben wir eine Welt, in der die Nachfrage nach sozialer Wohlfahrtspolitik immer weiter ansteigt. Das geht zulasten der Innovationskraft, dann wird es auch schwer, die Wettbewerbsfähigkeit aufrechtzuerhalten, es sei denn, es werden die Löhne gekürzt. Das wäre aber genau der falsche Weg für Europa. Das ist etwa in Deutschland mit der Agenda 2010 unter einem SPD-Kanzler geschehen.

Die Konservativen nicht zuletzt in Deutschland sehen in diesen Reformen eines SPD-Kanzlers allerdings einen Schlüssel zum heutigen Erfolg Deutschlands.

Ich teile diese Ansicht nicht. Die Kernfrage für Europa lautet: Können wir Österreichs ordo-liberale Denkschule neu erfinden, und zwar entlang der Traditionen der sozialen Marktwirtschaft? Das ist der Weg, den Europas Konservative gehen sollten, auch und vor allem in Österreich. Ihr Land muss seine Innovationskraft neu entdecken und das bedeutet massive Investitionen in den gesamten Bildungsbereich, vor allem in die Sprachkompetenzen. Die Österreicher sprechen nicht so viele Sprachen, wie sie eigentlich sollten, gemessen an ihrer Geschichte und an den Notwendigkeiten der modernen Wirtschaftswelt.

Was bedeutet das für die Rolle des Staates? Eine der Lehren aus der Finanzkrise ist, dass ein starker Staat unerlässlich ist. Teilen Sie diese Einschätzung?

Dass wir einen starken Staat brauchen, daran besteht kein Zweifel, die Streitfrage ist, wie groß soll dieser sein. Die Forderung nach einem immer größeren Staat ist in meinen Augen ein Beweis für das zunehmende Versagen derjenigen Staatsstrukturen, die wir bereits haben. "More oft he same" kann hier deshalb nicht die Lösung sein, doch niemand sorgt beim staatlichen Handeln für Innovationen, für neue Wege. Wir müssen die Rolle des Staates als Ermöglicher neu denken, der andere Akteure dazu führt, einen Beitrag zum Gemeinwohl zu leisten - eben genau so, wie es 1945 der Fall war. Geschieht dies nicht, besteht die Gefahr, dass wir einen Zusammenbruch des bestehenden Systems erleben, ganz einfach, weil wir es überfordern.

Wir sprechen hier von nationaler Politik, Europa macht sich jedoch gerade auf den wohl ziemlich mühsamen Weg, seine Wirtschaftspolitik im Kern stärker zu integrieren. Bewegt sich Europa Ihrer Meinung nach in die richtige Richtung?

Europa beschreitet einen äußerst gefährlichen Weg. Der Euro sollte eigentlich Europas Volkswirtschaften einander angleichen, tatsächlich treibt er sie jedoch auseinander. Und es wird vor allem für die südlichen Staaten immer schlimmer, denn zu den wirtschaftlichen Problemen mangelnder Wettbewerbsfähigkeit unter den Bedingungen des Euro gesellt sich auch die Massenimmigration aus Nordafrika. Das droht zu enormen sozialen Spannungen in diesen Ländern zu führen. Das ist wirklich gefährlich. Die Menschen im Norden werden etwa nicht länger bereit sein, bis 67 oder 68 zu arbeiten, nur damit die Menschen im Süden mit 60 in Pension gehen können. Zahlreiche EU-skeptische Parteien sind hier bereits auf dem Vormarsch und sie werden früher oder später auch an die Regierungen kommen. Und auch Deutschland wird Europa nicht retten können, indem es alle anderen Staaten dazu zwingt, wie die Deutschen zu werden. Aus meiner Sicht wird daher kein Weg daran vorbei führen, Europa sehr viel flexibler zu gestalten. Das ändert nichts daran, dass Europa von einem gemeinsamen Band kultureller und politischer Gemeinsamkeiten zusammengehalten wird.