Wien. Ist sie "Hängematte" oder "Sprungbrett", "Meilenstein" oder "Missbrauchsopfer"? Die Rede ist von der Mindestsicherung, die 2010 das komplizierte System der Sozialhilfe abgelöst hat und ihre Bezieher wieder verstärkt in den Arbeitsmarkt zurückholen will. Eines ist diese Hilfe für Langzeitarbeitslose und die Ärmsten in der Gesellschaft zweifelsohne: ein dankbares Thema für das ideologische Hickhack vor den Nationalratswahlen. Die "Wiener Zeitung" hat mit einem gesprochen, der die Stärken und Schwächen der Mindestsicherung aus der täglichen Praxis kennt, der Chef des Arbeitsmarktservice AMS, Johannes Kopf.

"Wiener Zeitung": Im Hickhack um die Mindestsicherung reden die einen nur vom Missbrauch, die anderen sagen: Mehr Leute sollten sie bekommen.

Johannes Kopf: Beides stimmt. Nichts ist schwarz-weiß. Bei jeder Sozialhilfe der Welt kommt es auch zu Missbrauch. Andererseits gibt es noch immer viele, die sich die Mindestsicherung nicht abholen, weil sie zu wenig darüber wissen oder sich genieren. Das ist aber schon durch den Ersatz der Sozialhilfe durch die Mindestsicherung besser geworden.

Funktioniert die Mindestsicherung?

Sie ist eine sozialpolitische Errungenschaft. Sie hat die Sozialhilfe, die mehr im Dunklen war, ins Licht gerückt und viele Leute eingeladen, sich die Leistung, die sie brauchen, auch abzuholen. Doch sie ist auch eine Inaktivitätsfalle für Personen, die mehrere Menschen versorgen müssen. Nehmen Sie als Beispiel eine Familie mit drei kleinen Kindern, der Vater arbeitslos, mit nur einem Hauptschulabschluss, die Frau zu Hause. Die Eltern bekommen 150 Prozent Mindestsicherung, pro Kind kommen 18 Prozent dazu. Das macht 204 Prozent vom Richtsatz also rund 1600 Euro. Die Höhe finde ich OK. Um auf dieses Geld zu kommen, müsste er aber fast 2400 Euro brutto verdienen. Wer kann das mit einem Hauptschulabschluss?

Wie hole ich die Leute aus dieser Falle?

Man müsste ihnen etwas dazu geben, wenn sie eine Arbeit beginnen, damit ein Anreiz gegeben ist.

Einen Kombilohn?

Man kann es so nennen. Allerdings fragen sich dann die Kollegen in der Arbeit, warum sie nichts oben drauf bekommen. Das ist ein ungelöstes Problem, wo man sich etwas überlegen muss.