Wien/Baden. Seit Jahrhunderten leben die Gorani - eine Minderheit muslimischer Slawen mit einer eigenen Sprache und eigenen Traditionen - in der heutigen Grenzregion Gora zwischen dem Kosovo, Albanien und Mazedonien. Mit dem Zerfall Jugoslawiens und dem Bürgerkrieg im Kosovo kamen sie zwischen die Fronten des serbischen und albanischen Nationalismus. Vor allem junge Gorani wanderten daraufhin ab. Die meisten nach Österreich. Nun droht die Minderheit in der Region auszusterben.

"Wir waren immer bekannt dafür, eine fleißige Minderheit zu sein", sagt Safet Jonuzi, der 1999 nach Österreich kam und heute in Baden bei Wien wohnt. Egal ob das im Osmanischen Reich oder in Jugoslawien war, fügt er hinzu. "Wir hatten Konditoreien in ganz Jugoslawien." Ob jemand Serbe, Kroate oder Bosnier war, sei egal gewesen. Wichtig war das Geschäft, frei nach dem Motto: "Der Kunde ist König, und wenn du Geld hast, dann bist du willkommen." Man konnte es schon zu etwas Geld bringen. Manchmal schürte das auch Neid: "Die Menschen haben sich immer gefragt, warum wir immer ein bisschen mehr Geld als andere haben. Ja, wir hatten immer ein bisschen mehr Geld. Aber weil wir auch immer gearbeitet haben", erzählt Jonuzi. Es gab keinen Ruhetag und es wurde den ganzen Tag gearbeitet, bis in die Nacht hinein. "Die Konditorei war immer offen."

Beliebt als "gute Bäcker" und "fleißige Arbeiter"

Hochzeiten finden traditionellerweise auf der Straße statt.
Hochzeiten finden traditionellerweise auf der Straße statt.

In der ex-jugoslawischen Community in Wien erinnert man sich an die "guten Bäcker" und "fleißigen Arbeiter", wie ein kurzer Rundruf der "Wiener Zeitung" ergab. Davon könne man sich aber heute nichts mehr kaufen. Jonuzi: "Wir sind der letzte Punkt im Kosovo. Unsere Heimat liegt in drei Ländern. Das ist eine Katastrophe. Man kann nicht von Krstac (Kosovo, Anm.) nach Pakista (Albanien) fahren. Denn in Krstac endet die Straße und man muss wieder umkehren."

In Jonuzis Heimatdorf Rapca ist die Situation trostlos: Laut Thomas Schmidinger, der sich in seinem Buch "Gora" mit der Minderheit beschäftigt hat, leben heute 70 bis 80 Prozent der Bewohner in Österreich. Lediglich im Sommer kommt dieser Teil der Bevölkerung zurück. Das sonst völlig ausgestorbene Dorf erwacht für einige Woche zu neuem Leben. Wie in anderen Dörfern in der Umgebung finden sämtliche Hochzeiten, Beschneidungen und andere Familienfeiern statt, wie Schmidinger in seinem Buch festhält. Beim sogenannten Korzo, einem Spaziergang, bei dem sich Burschen an den Straßenrand stellen und Mädchen zwischen ihnen auf- und abspazieren, wird geflirtet, um während der Ferien einen Partner aus dem eigenen Dorf zu finden.

Mittlerweile lernen sich einige junge Menschen auch über soziale Netzwerke - vor allem Facebook - kennen und verabreden sich für den nächsten Sommer in ihrem Dorf. Mädchen werden in den Dörfern sehr früh zur Heirat gedrängt. Wenn man mit 25 Jahren nicht verheiratet ist, würde man kaum noch einen Mann finden, so die gängige Meinung. Die Hochzeiten finden traditionellerweise auf der Straße statt.

Ein Haus in den

Bergen für alle Fälle

Viele Gorani haben in ihrer alten Heimat ein Haus gebaut, auch wenn sie nicht länger als drei Wochen im Jahr dort sind. "Viele wissen nicht, ob sie später einmal eine Pension bekommen werden. Ein Haus zu bauen ist dort sehr billig und dient als Sicherheit", sagt Jonuzi. Er fährt jeden Sommer nach Rapca, auch wegen der frischen Luft. "Drei Wochen im Jahr muss man auch einmal atmen." Nach dem Sommer ist der Ort wie ausgestorben. Mittlerweile gibt es unter der alten dort lebenden Bevölkerung einen Spruch, der die Menschenleere auf die Schaufel nimmt: "Hoffentlich sterbe ich im Sommer, wenn Menschen da sind, die mich eingraben können", erzählt Jonuzi.

Bevor er nach Österreich emigrierte, hat er in der Gemeinde als Beamter gearbeitet und war mit seinem Beruf "sehr zufrieden". 1999 wurden dann alle Männer ab 19 Jahren in die jugoslawische Armee eingezogen. Jugoslawien bestand damals aus Serbien und Montenegro. "Nach dem Krieg waren die Serben dann weg und die Albaner böse auf uns, weil wir in der jugoslawischen Armee waren. Damit begannen die Probleme." Bis heute leben viele Gorani in Angst vor Vergeltung. Erschwerend kommen die fehlenden Albanisch-Kenntnisse hinzu. In der Schule im alten Jugoslawien habe man noch Serbokroatisch gelernt. Auch die Infrastruktur wurde immer schlechter. Es gibt kaum Strom und Wasser in Gora. "Dort kann man nicht mehr leben, der Kosovo investiert nicht", kritisiert Jonuzi. "Wenn du im Kosovo kein Albaner bist, dann hast du keine Chance. In Serbien ist es dasselbe, deswegen sind wir weg: Es war die richtige Entscheidung."

Vom Tellerwäscher

in die Autoindustrie

Das österreichische Bundesheer wurde nach dem Kosovokrieg 1999 im Gebiet der Gorani stationiert. "Die Österreicher bekamen sehr bald mit, dass unsere Situation sehr schlecht war. Deswegen war es damals auch einfacher, einen positiven Asylbescheid in Österreich zu bekommen." Diese Chance nutzte Safet Jonuzi. In Österreich angekommen, arbeitete er sich vom Abwäscher am Flughafen über zahlreiche Baustellenjobs - unter anderem Kaminschleifer - zu einem Job in einer Autoindustriefirma hoch. Nach vier Jahren bekam er die österreichische Staatsbürgerschaft. Wie die meisten Migranten aus Rapca wohnt auch er in Baden. Wenn man mit Jonuzi in seinem Auto vom Bahnhof zu seiner Wohnung fährt, muss man mehr als die üblichen zehn Minuten einrechnen. Er scheint jeden Gorani in der Kleinstadt zu kennen. Thomas Schmidinger schätzt die Zahl der in Baden lebenden Gorani auf etwa 1000 Personen. Beliebt sind auch das zehn Kilometer entfernte Ebreichsdorf und Wien.

Während seines Asylverfahrens war Jonuzi im Flüchtlingslager Traiskirchen. "Wir zogen bald in eine Wohnung nach Baden, der ersten größeren Stadt nach Traiskirchen." Die Beliebtheit von Baden hat mehrere Gründe: "Am Flughafen Schwechat gab es eine Firma, die vielen Gorani eine Arbeitsbewilligung gegeben hat." Auch die Industriezone um Vösendorf ist von Baden aus schnell erreichbar.

Die Zeiten, in denen die meisten Gorani in Österreich Asyl bekamen, sind vorbei. Der Kosovo gilt mittlerweile als "sicherer Drittstaat". Die Gorani sind als Minderheit anerkannt und im Parlament mit einer Abgeordneten vertreten. Die Situation in Gora hat sich aber nicht verbessert. Einige Gorani sind bereits seit sechs, sieben Jahren in einem Asylverfahren. Unterkriegen lässt man sich aber nicht: "Man muss kämpfen für das Leben. Man darf nicht schlafen, sonst wird nichts passieren", betont Januzi. "Wir brauchen Freiheit, keine Diskriminierung." Die letzte Hoffnung gegen ein Aussterben der Gorani am Balkan liegt im Beitritt von Albanien, Mazedonien und Kosovo in die Europäischen Union. Das müsste allerdings sehr bald passieren. "Mein elfjähriger Sohn ist in Österreich geboren. Mit Rapca hat er nichts mehr zu tun."