Während die Gründung der Neos und des "Wandel" in der Unzufriedenheit mit dem politischen Angebot wurzelt, sind andere Kleinparteien Nischenanbieter, wie die in Vorarlberg kandidierende Männerpartei und die EU-Austrittspartei sowie die Christliche Partei Österreichs. Derartige Strömungen hat es auch schon früher gegeben, etwa mit der Pensionistenpartei ("Wahlplattform der Grauen Österreichs") oder sogar einer Yogi-Partei ("Österreichische Naturgesetzpartei").

Nischen-Politik


"Die großen Parteien versuchen alles abzudecken, neue Parteien haben eine Spezialisierung", sagt Robert Marschall von der EU-Austrittspartei. "In der Wirtschaft haben sie ja auch die Kaufhäuser, die alles anbieten, und kleine Geschäfte, die in Nischen erfolgreich sein können." In seinem Fall ist das die Gegnerschaft zur EU, die von Frank Stronach oder der FPÖ zwar kritisiert wird, ein kompletter Austritt wird in letzter Konsequenz aber nicht verfolgt. Auch Marschall sieht keine Chance, sich in den Großparteien zu behaupten. "Bei SPÖ und ÖVP wird jede Meinungsvielfalt unterdrückt." In der SPÖ versuchen die "Sektion 8" und bisweilen die SJ das Gegenteil zu beweisen, wirklich ernst genommen werden sie von der Parteiführung aber nicht.

Engagement in NGOs


Durch die Parteiwerdung von Interessensgemeinschaften müssen Standpunkte auch zu anderen Themen erarbeitet werden, was sich etwa bei der EU-Austrittspartei durch die Heterogenität der Gruppe als schwierig erwies. Das ging so weit, dass sich einige Mitglieder schnell wieder von der neuen Partei abwandten.

Die Männerpartei, die Benachteiligungen für Väter im Familienrecht und eine ihrer Meinung nach verfehlte Frauenpolitik beklagt, hat jene Punkte in ihrem Wahlprogramm, die über die zwei zentralen Themen hinausgehen, recht grundsätzlich formuliert. Auch Parteichef Hannes Hausbichler nimmt sich die Grünen als Vorbild. "Diese Partei hat Österreich völlig verändert", sagt er. Umweltschutz ist Common Sense geworden, aber Kernkompetenz der Grünen geblieben. "Ich kann mir vorstellen, dass das bei uns auch so sein wird", sagt er.

Die Piratenpartei mag von vielen zwar ebenfalls als Special-Interest-Partei bewertet werden, allerdings ist ihr Kernthema Internet breitenwirksamer und zudem bieten sie strukturell und demokratiepolitisch Neues an, etwa durch die von den Piraten verwendete "Liquid Democracy", bei der die Stimme für einzelne Themengebiete vor Abstimmungen zeitlich befristet an andere Personen delegiert werden kann. Laut Christopher Clay hat dieser betont andere Zugang, Politik für bisher unpolitische Menschen wieder interessant gemacht.

Fayad Mulla und Daniela Platsch waren vor der Gründung des "Wandel" sehr wohl politisch interessiert, jedoch habe sie die Visionslosigkeit der Parteien desillusioniert. "In der Zivilgesellschaft passiert viel. Was früher von den Parteien abgedeckt wurde, findet sich heute bei NGOs oder Vereinen", sagt Mulla. Auch dort findet heute politisches Engagement statt, vielleicht sogar: vor allem dort. "Die Zivilgesellschaft steht halt immer draußen, vor dem Parlament", ergänzt Platsch. "Wir wollen dem Wort Partei auch seinen Schrecken nehmen."

Dass ein Richtungswechsel der großen Parteien eher durch die Gründung neuer Bündnisse als durch innerparteiliche Karrieren möglich ist, glauben so gut wie alle neue Fraktionen. "Wir irritieren", sagt Platsch. Auch wenn der Wandel für die SPÖ gegenwärtig keine ernste Bedrohung darstellt, kann es langfristig für die Großparteien problematisch sein, vor allem inhaltlich, wenn sich engagierte Anders- und Querdenker a priori herausnehmen und etwa neue Parteien gründen. Und auch demokratiepolitisch ist es eine Herausforderung, wenn sich die Stimmen auf immer mehr Parteien verteilen. Deutschland mag zwar seit Sonntag tiefschwarz eingefärbt sein, allerdings haben sich auch fast 16 Prozent der Wähler für eine jener 26 Parteien ausgesprochen, die gar nicht im Parlament vertreten sein werden. Auch das ist ein Szenario, das am Sonntag in Österreich eintreten könnte.