Es dauerte allerdings nicht allzu lange, bis eine neue Generation an innerparteilichen Erneuerern ihr Glück versuchte. Als sich 2002 nach dem Erdrutschsieg Schüssels über Nacht plötzlich die Chance einer neuen Koalition mit den Grünen auftat, erblickte "Schwarzgruen.org" das Licht der Öffentlichkeit. Dahinter standen unter anderen Michael Schuster und Beate Meinl-Reisinger. Die Aussicht auf eine schwarz-grüne Koalition euphorisierte viele junge Liberale in der Volkspartei. Als am Schluss erneut Schwarz-Blau herauskam, war wieder eine Chance zur Erneuerung für die ÖVP ungenutzt vorbeigegangen. Sowohl Meinl-Reisinger wie auch Schuster sind heute bei den Neos aktiv.

Von den Medien weniger beachtet werkte eine christlich-soziale Reformergruppe rund um Thomas Köhler und Christian Mertens im Hintergrund, die versuchte, das Soziale in der ÖVP neu zu denken. Sie teilten das Schicksal aller anderen, indem sie von der Parteiführung links liegen gelassen wurden.

Nach den Wahlen 2006 fand sich die ÖVP wieder am Boden: das Kanzleramt perdu, der liberale Flügel lahm wie eh und je. Nach dem Schock des Machtverlusts ergriff die Parteispitze selbst die Initiative zur Erneuerung: Parteichef Wilhelm Molterer beauftragte die damalige schwarze Zukunftshoffnung Josef Pröll mit einem programmatischen "Perspektivenprozess". Der organisatorische wie personelle Aufwand war enorm; die konkreten Ergebnisse hielten sich in Grenzen; immerhin die Eingetragene Partnerschaften für Homosexuelle wurde umgesetzt.

Von den Ergebnissen des "Perspektivenprozesses" ist längst keine Rede mehr. Dafür könnte man den Eindruck gewinnen, die Geschichte wiederholt sich. Wieder werden in der Raab-Stiftung Konzepte für eine liberale ÖVP gewälzt - und wieder rennen die Akteure in der Partei gegen verschlossene Türen. Heute heißt der Präsident der Stiftung Harald Mahrer, er kommt, wie einst Marschitz & Co, aus der Hochschülerschaft. Und als es um die Listen für die Wahlen ging, lehnte die Partei dankend ab. Mandate für Bauern, Beamte, Bürgermeister waren wichtiger. Der ÖVP droht die nächste Generation abhanden zu kommen, die ein personelles Angebot an den urbanen Raum darstellen könnte.

Jetzt allerdings müsse etwas geschehen, zeigt sich ein Veteran von damals überzeugt. Die Partei habe gar keine andere Wahl mehr. Das allerdings hat man schon öfters geglaubt. Unter anderem deshalb sind die Neos im Parlament.