Dann fällt den dreien ein, dass sie Berufspolitiker auf Zeit sind, weil die Neos-Statuten höchstens 15 Jahre Politik erlauben. Das finden sie gut, weil es die Partei zwinge, für Nachwuchs zu sorgen. Loacker sagt: "Blockadepolitiker wie Neugebauer würden anders handeln, wenn sie nach 15 Jahren wieder im richtigen Leben stehen müssten." Das richtige Leben da draußen, außerhalb der ehrwürdigen Hallen. Das sehen die Neos durch die Politik nicht mehr richtig abgebildet.

Beispiel Arbeitszeit


"Die täglich erlaubte Höchstarbeitszeit von zehn Stunden könnte man erhöhen", sagt Meinl-Reisinger. "Menschen mit zwei oder drei Jobs haben auch keine Stundenbegrenzung", sagt Loacker. "Den Pflegediensten und Ärzten mutet man das auch zu und nimmt in Kauf, dass es riskant werden kann. Aber ein Bürotiger muss nach zehn Stunden aufhören, auch wenn er dafür am nächsten Tag viel früher heimgehen könnte?" - "Aber natürlich soll niemand ausgebeutet werden", wirft Meinl-Reisinger ein.

Beispiel Gesundheit


Die Neos wollen eine einzige Sozialversicherung für alle, ohne Unterschiede zwischen Bauern, Beamten und Angestellten. So weit, so gewünscht auch von anderen "systemkritischen" Parteien wie FPÖ und Team Stronach. Scherak geht weiter. Er kann sich vorstellen, den Gesundheitsmarkt für private Kassen zu öffnen, die in einen Wettbewerb zur staatlichen Kassa treten. So weit geht das offizielle Programm nicht.

Loacker hält eine Grundversorgung kombiniert mit privaten Modulen für sinnvoll. "Heute machen 75-Jährige noch Sport. Eine Kombination aus staatlich und privat ist sinnvoll." "Aber es braucht eine Grundversorgung auf hohem Niveau", wirft Meinl-Reisinger wieder ein. Wie stehen die Verfechter der Eigenverantwortung zu Selbstbehalten?

Scherak war enttäuscht, dass in Deutschland die Praxisgebühr scheiterte. "Das war eine gute Möglichkeit, den Leuten vor Augen zu führen, dass jeder Praxisbesuch etwas kostet." Eine Ambulanzgebühr für Österreich? "Derzeit gehen zu viele ins Spital und zu wenige zu den Niedergelassenen. Eine Form der Gebühr wäre sinnvoll." Loacker nickt. Meinl-Reisinger sagt, dass dann die Hausärzte gestärkt gehören.

Beispiel Pensionen


"Da hat uns die Regierung vor der Wahl ins Gesicht gelogen. Für die 20- bis 50-Jährigen schaut es schlecht aus", sagt Meinl-Reisinger. Deswegen wollen die Neos einen "Solidaritätsbeitrag der Generation jetzt". Das heißt: Pensionen über 2500 Euro einfrieren und nicht mehr an die Inflation anpassen plus einen Solidarbeitrag von Pensionen über 5000 Euro. Dass sie in Luxuspensionen wie jene von der Nationalbank vertragsrechtlich gar nicht eingreifen können, wissen sie. In die Populismus-Kiste greifen auch die Neos.

Loacker findet, dass die Regierung Frauen "schneller alt macht", weil sie das Frauenpensionsalter von 60 Jahren nicht sofort anhebt. "Bewirbt sich eine Frau mit 49, kalkuliert der Arbeitgeber schon, dass sie bald wieder aus dem Betrieb ausscheidet. Der Aufwand, sie gut einzuschulen, rentiert sich gar nicht mehr."

Überhaupt sind die Neos bei den Pensionen stärker auf der Seite der Wirtschaft als die SPÖ und ÖVP. Die SPÖ will Firmen bestrafen, die Ältere systematisch in Pension schicken. Nach Ansicht der Neos verleitet das System aus Korridorpension oder Hacklerregelung die Firmen erst dazu, die Leute verstärkt abzubauen.

Wer wie die Neos weniger Staat und mehr Privat will, der kommt an Privatisierungen nicht vorbei. Loacker schreibt auf seiner Homepage: "Was es an Staat nicht braucht, sind staatliche Beteiligungen an Unternehmen wie etwa der OMV." Meinl-Reisinger sagt: "Minderheitsbeteiligungen und Sperrminoritäten sind okay." Und selbst der radikalere Liberale Scherak sagt: "Schienenverkehrsnetze zu privatisieren ist Blödsinn." Dass es WLAN in den ÖBB gibt, dazu habe aber erst die "großartige" Konkurrenz mit der Westbahn geführt. Und warum die Stadt Wien selbst bestattet, könne ihm niemand erklären.

Mittlerweile im "Lokal 2" angelangt, dem noch spärlich eingerichteten Parlamentsbüro der Neos, reden wir über absolute rot-weiß-rote Tabus. Wasser, Neutralität und Gentechnik. Und die Neos brechen sie absichtlich. "Es gibt wahnsinnig viele Tabus in diesem Land", sagt Meinl-Reisinger. Wer nur die Wörter "Wasser" und "Privatisierung" ausspreche, werde mit Angstmache und Kampagnen seitens der Arbeiterkammer und der Gewerkschaften überzogen (und auch seitens der "Kronen-Zeitung", Anm.).

Privater Dammbruch


"Warum soll man nicht überlegen, ob die Wasserversorgung öffentlich ausgeschrieben wird und ein Privater befristet das Recht dazu bekommt?", sagt Loacker. "Wenn ständig die Versorgung und die Kontrolle über das Wassers vermischt werden, ist keine sachliche Debatte möglich."

Beim nächsten großen Tabu, der "immerwährenden" Neutralität haben die Neos kein Interesse an einer sachlichen Debatte. Denn dafür sei es zu spät. "Die ist völlig überholt", sagt Meinl-Reisinger. "Die gibt es schon längst nicht mehr", sagt Scherak. "Alle Juristen sagen, dass die nicht mehr gilt", sagt Loacker. Der Aufgabe der Neutralität habe noch nichts mit einem Nato-Beitritt zu tun.

"Wir haben uns für die EU entschieden und wollen, dass uns andere beistehen, wenn es uns schlecht geht. Und umgekehrt wollen wir uns drücken? Was soll denn das?", sagt Scherak. "Rosinenpicken" nennt es Meinl-Reisinger.