Wien. (zaw) Wo liegt die Macht in Österreich? Im Kanzleramt am Ballhausplatz, klar, auch wenn der eine oder andere behauptet, die wahre Macht liege im Wiener Rathaus oder im Landhaus in St. Pölten. Auch in den Parteizentralen in der Löwelstraße (SPÖ) und der Lichtenfelsgasse (ÖVP) wird die eine oder andere wichtige Entscheidung getroffen. Und es könnte zuletzt durchaus der Eindruck entstanden sein, dass sich auch die Strozzigasse 7 in Wien-Josefstadt zu einem neuen Machtzentrum entwickelt. Dort residiert nämlich die katholische Studentenverbindung "Norica" - und an der führt in der ÖVP derzeit allem Anschein nach kein Weg vorbei.

Neben Parteichef Michael Spindelegger tragen nämlich auch der neue Justizminister Wolfgang Brandstetter und ÖVP-Generalsekretär Gernot Blümel das weiß-blau-goldene Band der 1883 gegründeten Verbindung. Und sie stehen damit in einer doch recht beeindruckenden Tradition: Mit Rudolf Ramek, Leopold Figl und Julius Raab stellte die "Norica" gleich drei Bundeskanzler der Ersten und Zweiten Republik. Dazu kommen die ÖVP-Minister Wolfgang Schmitz, Hermann Witthalm und Alois Mock. Weil man - was im Cartellverband nicht gerade auf breites Wohlwollen stößt - auch Frauen aufnimmt (offiziell in einer eigenen Verbindung namens "Norica Nova"), kann man auch auf Marilies Flemming und Maria Rauch-Kallat verweisen. Ebenfalls "Noricer" sind außerdem die Abgeordneten Wolfgang Gerstl und Michaela Steinacker.

Das Comeback

der Farbstudenten

Dabei war der CV in der ÖVP keineswegs immer wohlgelitten. In den 90er Jahren etwa, als Erhard Busek und Wolfgang Schüssel das Sagen hatten, waren Carteller in ÖVP-Toppositionen eher Mangelware. Dass sich das geändert hat, ist zu einem Gutteil Andreas Khols Verdienst. Der damalige ÖVP-Klubobmann schaffte es, im Wahlkampf 2002 die CVer en masse für die ÖVP zu mobilisieren, was diesen natürlich sehr geschmeichelt hat. Plötzlich war man in der Bundespartei wieder gefragt.

Unter Spindelegger schließlich wurden der CV (richtigerweise eigentlich ÖCV) und seine Schwesterorganisationen (MKV sowie die Mädchenverbindungsverbände VCS und VfM) geradezu dominant. Neben dem Vizekanzler, dem Justizminister und dem Generalsekretär sind auch Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner, Klubobmann Reinhold Lopatka, Innenministerin Johanna Mikl-Leitner und Finanzstaatssekretär Jochen Danninger Mitglieder in katholischen Verbindungen. Überbewerten sollte man den Einfluss des CV aber nicht.

"Der CV wird da
eher überschätzt"

Einerseits schützt einen auch ein Couleur nicht vor einem abrupten Karriereende, wie die geschassten Minister Nikolaus Berlakovich, Beatrix Karl, Karlheinz Töchterle und der gewesene Generalsekretär Hannes Rauch erfahren mussten. Andererseits sind gerade in der ÖVP die dominanten Kräfte nach wie vor die Länder, ÖAAB, Wirtschafts- und Bauernbund.

"Der CV wird da eher überschätzt", sagt der auf Analyse von Macht- und Elitennetzwerken spezialisierte Sozialwissenschafter Harald Katzmair zur "Wiener Zeitung", "erst recht bei der Regierungsbildung. Hier sind Länder und Bünde faktisch noch immer wichtiger." Weil viele dabei sind, entstehe der Eindruck, dass die Studentenverbände wichtig seien, sagt Katzmair. CV und MKV kommen zusammen auf mehr als 30.000 Mitglieder. Um aber ein echter Machtfaktor zu werden, sei "der CV viel zu fragmentiert". Er komme eher dann wieder zum Zug, wenn es um Postenvergabe in Ministerien gehe.

Als Netzwerk funktioniert der CV, ein Machtfaktor ist er aber nicht. Ähnlich ergeht es etwa dem Bund Sozialdemokratischer Akademiker (BSA) auf SPÖ-Seite. Auch er spielt bei den wichtigen Entscheidungen keine Rolle. Hier sind es vor allem die Wiener Partei, Arbeiterkammer und Teilgewerkschaften, die entscheidend sind. Doch "bei der SPÖ ist es weit weniger komplex als bei der ÖVP", sagt Katzmair, vor allem weil die Länder als Machtfaktoren "abbestellt" sind.

Geradezu lächeln muss der Netzwerk-Forscher bei der Frage nach dem Einfluss von Organisationen wie den Freimaurern. "Auch die werden völlig überbewertet. Genau wie der CV kommen diese Netzwerke erst dann ins Spiel, wenn es darum geht, wer welchen Posten bekommt. Bei der Regierungsbildung geht es um die großen Blöcke."