Wien. Wer bringt eigentlich die Zeitung? Ein dem Zeitungsleser meist unbekannter Zeitungsausträger. Der wiederum weiß über den Abonnenten, wie dieser heißt, wo er wohnt, ob er die "Wiener Zeitung" oder die "Kronen Zeitung" liest. Auf den nächsten Zeilen lernen wir Ajit kennen, einen von tausenden* Menschen, die in Österreich Zeitungen liefern.

2:00 Warten in der Kälte

140 Zeitungen trägt Ajit jede Nacht aus, davor liefert er chinesisches Essen aus. - © Stanislav Jenis
140 Zeitungen trägt Ajit jede Nacht aus, davor liefert er chinesisches Essen aus. - © Stanislav Jenis
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Ajit blickt auf sein altes Nokia-Handy. Er und 20 andere Männer - allesamt Inder und Pakistani - stehen am Praterstern und warten, bis die Zeitungen geliefert werden. Ajit kommt aus dem indischen Punjab, seit sechs Jahren lebt er in Österreich, wo er um Asyl angesucht hat. Es ist so kalt, dass man seinen Atem sehen kann. Er und seine Kollegen bringen den Leopoldstädtern pünktlich zum Frühstück ihre Zeitung. Wie lange sie auf die druckfrischen Exemplare warten müssen, wissen sie nie so genau. Wenn die Redakteure spätnachts noch etwas ändern, dauert es oft länger. An diesem Abend ist es weit nach 3 Uhr, als Ajit den roten Plastikkorb auf dem Gepäcksträger seines Fahrrads mit 140 Zeitungen belädt und - ohne Handschuhe, mit Haube - losradelt.

3:30 Kaffee bei der Wirtin

Jede Nacht beginnt seine Route bei einem Wirtshaus im 2. Bezirk. Die Gäste sind schon lange gegangen, die Wirtin im Schlafmantel nimmt mit einem lakonischen "Guten Morgen" die "Kronen Zeitung" entgegen. "Sie ist immer wach", erzählt Ajit. Manchmal reicht sie dem 26-Jährigen einen Kaffee oder bittet ihn herein. Heute nicht, Ajit muss ohnehin weiter. Bis 6 Uhr Früh müssen die Zeitungen auf den Türmatten liegen, sonst beschweren sich die Kunden. Anfangs war Ajit noch langsam, die Kondition fürs Stiegensteigen musste er erst aufbauen, zu oft musste er nachsehen, wer welche Zeitung bekommt.

Heute hat er das im kleinen Finger, kennt die Gassen und Stiegenhäuser in- und auswendig. Er verdient vier Euro pro Stunde brutto (500 Euro monatlich), versichern muss er sich selbst. Er arbeitet seit sechs Jahren ununterbrochen, sieben Tage pro Woche. Er war kein einziges Mal krank - oder hat sich nie erlaubt, krank zu sein -, nie auf Urlaub. Nur einmal hat er seinen Bruder in Portugal besucht, damals lieferte ein Bekannter die Zeitungen statt ihm aus. "Du kannst keine Pause machen, nur ganz aufhören", sagt Ajit auf Englisch mit indischem Akzent. Er spricht lieber Englisch, weil er "not too many" Deutsch kann, und fügt hinzu, er würde es gerne lernen. Doch ein Deutschkurs hat in seinem Tagesablauf keinen Platz; bevor er Zeitungen ausliefert, stellt er von 18 bis 22 Uhr chinesisches Essen zu, für fünf Euro pro Stunde.

5:30 Vodka und Trinkgeld

Fast hat er die Nacht hinter sich gebracht. Als Teenager mit Vodka-Flaschen an ihm vorbeitorkeln, grinst er kurz, dann schnappt er die letzten Zeitungen und verschwindet im Laufschritt in einem dunklen Hauseingang. Es ist Freitagfrüh, kaum jemand ist wach, der nicht betrunken ist oder unter Bettflucht leidet. Die älteren Menschen suchen mit Ajit am ehesten das Gespräch, und zu Weihnachten geben sie Trinkgeld - das kann Ajit gut gebrauchen, denn er will seine Familie im Punjab besuchen, seine Geschwister sind mittlerweile verheiratet und haben Kinder. Sie sind nahe dem Goldenen Tempel aufgewachsen, erzählt Ajit, steigt auf sein Rad und fährt in seine Wohngemeinschaft in Simmering.

*Für die Firma Redmail arbeiten 2600 "Zustellpartner", ca. 400 davon in Wien. Von der Mediaprint war keine Stellungnahme zu bekommen. Der Name wurde auf Ajit geändert.