Es ist ein österreichweites Thema, keine Wiener Frage. Zunehmend mehr Menschen stoßen mit den Kosten für Wohnen, Heizen und Energie an und über ihre Grenzen. Da kann man schon etwas tun. Die Bundesregierung ist uns vor der Wahl ein neues Mietrecht schuldig geblieben. Das wäre ein Instrument, um das völlig intransparente System der Zu- und Abschläge zu den Mieten zu ändern. Es braucht auch eigenmittelfreie Wohnungen. Auch den Energieversorgern kommt ein Stück Verantwortung zu, wie sie mit Menschen umgehen, für die die Energiekosten zu einer Belastung werden. Ich bin ganz froh, dass bei Wien Energie mit der Ombudsstelle ein sinnvolles Instrument geschaffen wurde. Gerade energiearme Haushalte leben oft in Wohnungen, die nicht ordentlich isoliert sind, heizen mit Geräten, die einen enormen Energieverbrauch haben, zum Teil mit Strom. Wenn wir das ändern, indem wir die Menschen dabei unterstützen, ihre Wohnungen zu isolieren und Geräte zu tauschen, dann mag das im ersten Moment etwas kosten, aber langfristig entlasten wir nicht nur die Haushalte, sondern tun auch der Umwelt etwas Gutes. Diese weitere Perspektive, Nachhaltigkeit im Denken, dieser Horizont - diese Diskussion gilt es stärker zu führen. Von da her hätte ich mir vom Regierungsprogramm mehr an Weite und Vision gewünscht.

Neben dem Mietrecht fordern sie zur Armutsbekämpfung auch eine Bildungsreform.

Das Thema Bildung mag auf den ersten Blick nicht wie ein Caritas-Thema aussehen, aber wir wissen aus unserer täglichen Arbeit, es gibt einen ganz engen Zusammenhang zwischen Bildung und Armutsbekämpfung. Bildung und parallel auch Armut wird oft vererbt. Wenn wir Familien einen Ausstieg aus der Armutsspirale ermöglichen wollen, ist der Zugang zur Bildung ein wichtiger Punkt. Da geht es vor allem um den Elementarbereich.

Warum stehen nicht höhere Gehälter oder Mindestlohn auf Ihrer Agenda? Es gibt Working Poor, die mit einem Vollzeitjob nicht über die Runden kommen.

Gerade bei Working Poor ist die Frage des Eingangssteuersatzes ein Thema. Es gibt zur Armutsvermeidung und -bekämpfung aber nicht die eine und einfache Lösung. So muss etwa auch die bedarfsorientierte Mindestsicherung evaluiert und weiterentwickelt werden. Es geht um Zugang zu Arbeit, Arbeitslosenprojekte, Jugendarbeitslosigkeit, das Thema der Mieten - wenn Armut vermieden und wirksam bekämpft werden soll, braucht es ein Bündel an Maßnahmen. Da hoffe ich auf ambitionierte Ziele. Kinderarmut ist in Österreich Realität - da darf niemand einfach zur Tagesordnung übergehen.

Österreich geht es gut, doch die Zahl der Armutsgefährdeten steigt. Versagt da der Sozialstaat?

Wer sich die Wirtschaftskrise anschaut und die aktuellen Zahlen, weiß: Ohne einen funktionierenden Sozialstaat ginge es einer noch bedeutend größeren Zahl an Menschen in unserem Land schlecht. Der Sozialstaat hat sich in der Krise bewährt. Die deutschen Bischöfe sagen: Die Leistungsfähigkeit der Wirtschaft und die Qualität der sozialen Sicherheit in einem Land sind zwei Pfeiler einer Brücke - und eine Brücke braucht beide Pfeiler.

Für erfolgreiche Armutspolitik werden Sie die Politik brauchen. Jetzt hat man den Eindruck, die Caritas ist vor allem mit der ÖVP im Dauerclinch. Sind das katholische Flügelkämpfe oder hat die ÖVP aus Ihrer Sicht den christlichen oder christlichsozialen Weg verlassen?

Unsere Aufgabe ist unter jeder Bundesregierung die gleiche und wir haben jeder politischen Partei gegenüber den gleichen Zugang, der vom Evangelium und der Not der Menschen bestimmt wird. Da erinnern wir die Regierungsparteien wie auch die Opposition daran, dass Armut ein Stück Realität ist, mit dem wir uns nicht abfinden dürfen, und - auch wenn sie es nicht gerne hören - dass wir das ändern können, wenn wir es ändern wollen. Ich weiß, dass in einem wohlhabenden Land der Applaus endenwollend ist, wenn man an die Situation von Obdachlosen erinnert, an die Situation von Menschen auf der Flucht, an die Situation von Menschen in der Not. Aber wir arbeiten jeden Tag mit den Menschen und bei dem, was wir sehen, zu schweigen, wäre Unrecht.

Das würde jeder Politiker wahrscheinlich genauso unterschreiben. Aber wenn es um die Politik geht, kommen Caritas und die Parteien oft nicht zusammen.

Genau. Wir erinnern dann daran, dass die Dinge auch konkret werden müssen und sie bei allem parteiübergreifenden Bekenntnis in den Sonntagsreden von Montag bis Samstag umgesetzt gehören.

Ein großes Thema in diesem Jahr waren die Refugees in der Votivkirche. Da wurde die Caritas letztlich von allen Seiten geprügelt.

Unser Auftrag besteht nicht darin, uns beliebt zu machen, sondern uns den Aufgaben zu stellen, die anstehen. Wir wurden zu den Flüchtlingen in die Votivkirche in eine sehr eskalierte Situation gerufen. Das mag unbequem sein und wir hatten auch nicht mit allen Anliegen eine Freude. Aber Menschen in einer Notsituation lässt man nicht im Stich. Nüchtern gilt es hier zwei Dinge hinzuzufügen: Zum einen war es das erste Mal in Österreich, dass Menschen auf der Flucht selbst auf ihre Anliegen hingewiesen haben. Das war für viele irritierend, auch für uns. Zum anderen weisen die Flüchtlinge auf real existierende Missstände hin. Das gilt es ernst zu nehmen. Sie weisen zum Beispiel darauf hin, dass Menschen auf der Flucht zum Teil zum jahrelangen Nichtstun gezwungen sind, weil die Verfahren lange dauern und in dieser Zeit keine Möglichkeit besteht, für sich selbst zu sorgen oder einen Beitrag dazu zu leisten. Die Menschen werden jahrelang im Wartesaal des Lebens festgehalten.

Aber ist das nicht auch die Schuld mancher gutmeinender Menschen, die die Verfahren in die Länge ziehen?

Deswegen hat das Innenministerium unlängst im Bereich des Neuerungsverbots Änderungen vorgenommen, weil Dinge irgendwann auch entschieden sein müssen. Und wir haben da nicht widersprochen. Umgekehrt gehört zum Rechtsstaat auch, eine Entscheidung rechtsstaatlich überprüfen zu lassen. Entscheidungen im Asylverfahren sind oft genug Entscheidungen über Leben und Tod - da muss man sich die notwendige juristische Qualität zugestehen.

Das zweite Thema, das wirklich auch ansteht, sind Mindeststandards in der Grundversorgung. Auch in Österreich gibt es Quartiere, wo Menschen in schimmeligen Räumen und unter unzumutbaren Bedingungen untergebracht werden. Ich bin sehr froh, dass die Landesflüchtlingsreferenten bei ihrer letzten Tagung diese Themen aufgegriffen haben - und zwar mit nüchterner Sachlichkeit. Das ist ein großer Fortschritt.