Warschau/London. Der polnische Außenminister Radoslaw Sikorski hat im Fernsehsender BBC den britischen Premier David Cameron für seine Forderung kritisiert, die EU-Mitgliedsstaaten müssten einige Sozialleistungen für Immigranten aus EU-Ländern zurückhalten können. "Polen zahlen doppelt soviel in die britischen Sozialsysteme ein als sie als Leistungen erhalten", erklärte Sikorski.

Polen sind die größte Einwanderergruppe aus den EU-Ländern in Großbritannien, Schätzungen zufolge leben dort 600.000 Menschen mit polnischer Staatsangehörigkeit. "Wenn die Briten möchten, dass ihr Sozialsystem weniger großzügig ist, dann sollten sie es für alle im Vereinigten Königreich Lebenden ändern", sagte Sikorski. Der Minister wies darauf hin, dass Polen die Schul- und Universitätsausbildung der polnischen Auswanderer finanziert habe, die heute in Großbritannien leben und dort Steuern bezahlen. Auf seinem Twitter-Konto fügte Sikorski seinen Aussagen einen Aufruf an die Polen im Ausland hinzu: "Im Übrigen, Landsleute, kommt zurück!"

Grundlagen der EU-Mitgliedschaft neu verhandeln?

David Cameron erklärte der BBC am Wochenende, er wolle die Grundlagen der britischen EU-Mitgliedschaft neu verhandeln. Dazu gehörten die Sozialleistungen für in Großbritannien lebende EU-Ausländer, etwa das Kindergeld. So gebe es Fälle von Polen, denen diese Leistung ausbezahlt werde, obwohl sich die Kinder selbst in Polen aufhalten. "Ich denke nicht, dass das richtig ist", erklärte der Premierminister. Seiner Ansicht nach sei hier eine Änderung der EU-Verträge notwendig.

Nach Angaben des polnischen Amtes für Statistik GUS lebten im vergangenen Jahr über 2,1 Millionen Polen im Ausland, davon die größte Gruppe in Großbritannien. Rund 1,6 Millionen Polen befinden sich schon über ein Jahr außerhalb der polnischen Grenzen. Dabei kommt es immer wieder zu Konflikten. So strengte die EU-Kommission im vergangenen Jahr eine Klage gegen Großbritannien an, weil es arbeitslos gewordene Bürger aus anderen EU-Ländern diskriminiere. David Cameron hatte schon im Dezember erklärt, es sei ein "großer Fehler" gewesen, den britischen Arbeitsmarkt schon 2004 uneingeschränkt für die damals neuen EU-Länder zu öffnen.