Wien. Wenn Ahmad Mansours Telefon klingelt, geht es um alles: Andreas isst plötzlich kein Schweinefleisch mehr. Er will auch nicht mehr Weihnachten feiern, Alkohol trinken oder seinen weiblichen Verwandten die Hand geben. Seinen deutschen Vornamen hat er abgelegt, ebenso wie seine Jeans, die er durch eine lange Baumwollhose ersetzt hat.

"Meistens rufen mich die Mütter an. Die Väter spielen zu diesem Zeitpunkt meistens schon keine Rolle mehr in der Familie", sagt Mansour. Der israelisch-palästinensische Psychologe arbeitet bei der Berliner Beratungsstelle "Hayat". Es ist die letzte Anlaufstelle für Eltern, deren Kinder Gefahr laufen, in den Salafismus abzugleiten - oder bereits abgeglitten sind.

Eltern fühlen sich von ihren Kindern gekränkt

Der Salafismus ist eine radikale Strömung innerhalb des Islams. Seine Anhänger berufen sich auf die Zeit des Propheten Mohammed, interpretieren den Koran wortwörtlich und nehmen ihn als Leitfaden für alle Lebensbereiche. Sie streben einen Gottesstaat an, in dem ein islamisches Rechtssystem, gilt - und sie lehnen jegliche Lebensweise ab, die dem Westen zugeschrieben wird.

So viel zur Theorie. Mansour kennt die Praxis. Wer mit ihm spricht, der kann viel lernen über die Radikalisierungsprozesse - und wie sie in den Familien Betroffener ablaufen. Seit zwei Jahren gibt es die Beratungsstelle "Hayat" (arabisch für "Leben"). Eltern, die sich bei "Hayat" melden, haben nicht nur Angst um ihre Kinder. In der Regel fühlen sie sich tief von ihnen gekränkt, weil sie von ihren eigenen Kindern abgelehnt werden. Sie reagieren darauf, indem sie den neuen Glauben ihrer Kinder abwerten, drohen sogar mit dem Abbruch der Beziehung. Die Kinder wiederum sind meist seit Jahren unglücklich und frustriert, sie kämpfen um gesellschaftliche Anerkennung und Zuwendung und vermissen oftmals eine Vaterfigur. All dies finden sie in der schwarz-weiß gestrickten Welt der Salafisten. Übrigens betrifft das nicht nur die Söhne der verängstigten und wütenden Eltern, sagt Mansour, dessen Beratungsstelle mit dem deutschen Bundesamt für Migration und Flüchtlinge zusammenarbeitet: In rund einem Drittel der Fälle sind auch Töchter betroffen.

Die Beratungstätigkeit von Hayat gliedert sich in zwei Teile: in die psychosoziale Betreuung der Eltern und in den Deradikalisierungsprozess ihrer Kinder. Bei ihnen wird laut Mansour eine indirekte Strategie verfolgt: Man versucht über die Mutter an die gefährdete Person heranzukommen. Der Aufbau eines stabilen Vertrauensverhältnisses, in dem der Lebenswandel des Kindes auf Verständnis anstatt auf Abwertung stößt, sei der erste Schritt.

"Deshalb ist die Rolle der Mutter sehr wichtig", erklärt Mansour: "Wenn das Kind konvertiert und kein Weihnachten mehr feiert, fünf Mal am Tag beten oder kein Schweinefleisch mehr essen möchte, sollte das respektiert werden", erklärt Mansour. "Die Mütter müssen wieder eine Vertrauensperson für das Kind werden und das erreichen sie nicht durch Abwertung. Unter Zwang wird sich der Jugendliche noch mehr von ihnen entfernen."

Lediglich konvertiert oder radikalisiert?

Erst wenn eine Gesprächsbasis zwischen Mutter und Kind existiert, kann die eigentliche Deradikalisierungsarbeit beginnen: Die Bedürfnisse des Kindes und die Gründe für die Anziehungskraft der radikalen Szene müssen geklärt werden. Über Fragen gilt es herauszufinden, in welche Moschee das Kind geht, mit welchen anderen Jugendlichen es um die Häuser zieht oder welcher Facebook-Gruppe es angehört. "Dadurch können wir feststellen, ob der Jugendliche tatsächlich in die Radikalisierung abgleitet oder einfach nur zum Islam konvertiert ist und sich einer gemäßigten Gruppe angeschlossen hat", sagt Mansour. Liegt tatsächlich der Fall einer Radikalisierung vor, wird im nächsten Schritt versucht, durch alternative Angebote die Bedeutung der radikalen Gruppe für den Jugendlichen abzuschwächen und den kritischen Geist des Sohnes oder der Tochter zu wecken: "Etwa wenn der Sohn ins Ausland reisen möchte, in ein Ausbildungslager oder in den bewaffneten Jihad, kann die Mutter ihn dazu motivieren, das infrage zu stellen", erklärt Mansour. "In extremen Fällen legen wir den Betroffenen auch einen Wohnortwechsel nahe, um das Kind so aus seinem Netz zu lösen."