Die schwedische Fahne weht im Hintergrund. - © Foto: Streibel
Die schwedische Fahne weht im Hintergrund. - © Foto: Streibel

"Vad drömer du om?" Würde ich jetzt auf diese Frage nach den Träumen "grönsaker" und "drottning" antworten, könnte das vielleicht als etwas despektierlich angesehen werden. Denn was haben Grünzeug und die Königin schon gemeinsam? Schweden ist eine Monarchie und Gemüse ist wohl wichtig, um die langen Winter zu überstehen, aber. . . "grönsaker" und "drottning", das sind die ersten Worte, die ich im Schwedischkurs in Järfälla gelernt habe.

Wie funktioniert Lernen in einem Land, dessen Sprache man nicht kennt, von dem man einige Bilder im Kopf hat? Die Assoziationen haben sich vielleicht seit der Zeit von Kurt Tucholsky verändert. Er lässt in seinem Roman "Schloss Gripsholm" die Hauptperson Peter philosophieren, dass den Menschen (gemeint ist wohl den Männern) zuerst die Schwedinnen einfallen. Wer von den männlichen Lesern hatte in seiner Jugend nicht eine schwedische Brieffreundin? Da wären dann noch IKEA, vielleicht ABBA und Zlatan Ibrahimović auf dem grünen Rasen. Bei manchen geistert vielleicht noch so etwas wie "Wohlfahrtsstaat" oder "Toleranz" und "Freizügigkeit" herum.

Der Besuch, organisiert über ein Programm des "Europäischen Zentrums für die Förderung von Berufsbildung" (CEDEFOP), vermittelt einen Eindruck vom Bildungssystem und der Bildungsorganisation in Schweden.

Kommunale Bildung

Lernen beinhaltet nicht nur die Erfahrung, in einem Kurs mit Immigranten zu sitzen und zu versuchen, aufgrund von Bildern und einigen verwandten Worten Aufgaben zu lösen, sondern auch die Frage nach der politischen Situation. Zu allererst ist die Verantwortlichkeit der Gemeinde für Bildung hervorstechend. Es gibt einen nationalen Rahmen, aber das Geld für Bildung von den Kleinkindern bis zum Ende der Schulzeit kommt von der Gemeinde. Das war nicht immer so und wurde in den 90er Jahren - damals noch von den Sozialdemokraten - eingeführt. Das klingt nach Bürgernähe, aber ursprünglich waren wohl Einsparungsgründe dahinter. Ein Fakt ist jedoch, dass die Schule näher an den sozialen kommunalen Netzwerken ist und schneller reagieren kann.

Jede Schule in Schweden bekommt pro Schüler oder Schülerin einen bestimmten Betrag, wenn zu wenige Schüler angemeldet sind, hat der Direktor zu entscheiden, welche Lehrer an die Gemeinde zurückgegeben werden. Der Schulbesuch kostet keine Krone, auch für Exkursionen und Lehrausgänge darf von den Eltern kein Geld verlangt werden. Bei der Präsentation des Systems erwähnt eine Vertreterin der konservativen "Moderaten Partei", dass es jetzt einen Wettbewerb gebe und Entrepreneurship gefragt sei. Aber auch bei diesen Privatschulen darf Bildung nichts kosten. Was ist aber dann der Unterschied zwischen privat und staatlich? Die Profite, erfahre ich zwei Tage später, fließen bei den Privaten nicht unbedingt in die Schule zurück.

Lernen bei Studienbesuchen funktioniert in Schleifen und manchmal auch in den Pausen. Wenn man Glück hat und auf einen politischen Kopf trifft, dann sieht man die Welt im Gastland plötzlich mit anderen Augen. Von der Privatisierung hatte man sich viel erwartet, Wettbewerb zum Beispiel. Aber wie kann man damit Profite machen? Es gibt Möglichkeiten der "Effektivierung", für manche Aufgaben muss kein Lehrer eingestellt werden, sie werden outgesourct, also billiger.

Über allem steht aber die Auswahl der Schülerschaft, wer sich nur die besten und "einfachen" aussucht, der braucht kein Lehrpersonal für die sozialen Zusatzaufgaben einzustellen. Profite können gemacht werden und dürfen einbehalten werden. Wäre ja noch schöner, wenn es eine Verpflichtung zur Investition gäbe.

Die brutale Realität der Privatisierung hat die Schweden spätestens im Sommer 2013 erreicht als "JB Education" Konkurs anmeldete, mehrere Tausende Schüler waren davon betroffen. JB Education war die Firma, die 2000 die erste Privatschule eröffnet hatte und 20 Schulen in Schweden betrieb.

So richtig zur Diskussion gestellt wird die Privatisierung nicht, da tun sich auch die Sozialdemokraten schwer. Da es eine Verpflichtung zur Bildung gibt, müsste bei einer Schließung der Privatschulen wieder der Staat aufkommen und das ist in Zeiten des knapper werdenden Budgets so leicht nicht zu machen. Es ist doch schön zu erleben, dass das Spiel "mehr Privat - weniger Staat" immer wieder gespielt wird und dass nach den großen Sprechblasen die Realität einzieht. Der Markt reguliert. Doch bei Problemen muss der Steuerzahler zahlen. "Jahrelang hat JB Education Gewinne gemacht und sie hatten kein Problem, die Zelte abzubrechen. Keine Schuldgefühle, das lohnt sich nicht mehr", ist die Schwedin Lena entrüstet. Da die Schweden gewohnt sind, in allen Lebensbereichen zu wählen, würde es politischen Selbstmord bedeuten, die Privatisierung gänzlich in Frage zu stellen, meint Richard, ein Schulleiter für Kindergärten und Volksschulen in Järfälla.