Wien. 12 Uhr, Ganztagsschule Hasenleitengasse in Wien-Simmering: Betritt man das Gebäude durch die Schwingtüre, weht einem ein intensiver Geruch entgegen. Fisch, kein Zweifel. Neun Stunden verbringen die 10- bis 14-jährigen Schüler jeden Tag in der Neuen Mittelschule (NMS), eine Stunde davon am Schulhof. Das macht hungrig. Die Energie liefert in der Früh ein Energy Drink. Abends wird gekocht, also ein Packerl mit Pulver in heißes Wasser gekippt. Reisfleisch oder gebackene Apfelscheiben? Noch nie gegessen. Klingt wie der Alptraum von Sasha Walleczek, Ernährungsberaterin mit Vorliebe für gesunde Küche, ist aber Alltag vieler Schüler, wie der Schulbesuch der "Wiener Zeitung" zeigt.

Fliegende Gabeln

Zu Mittag strömen die Schüler in den Speisesaal, in zwei Schichten drängen sich 190 Kinder um das Buffet. Gabeln fliegen zu Boden, mehrmals pro Woche geht ein Glas zu Bruch. Früher ging es gesitteter zu, trotzdem gibt es von allen Seiten Lob für das neue Selbstbedienungssystem: Seit sich die Kinder selbst nehmen, wird weniger weggeworfen, berichtet Claudia Ertl-Huemer von Gourmet. Gourmet ist eine Tochterfirma von Vivatis, einem Lebensmittelkonzern aus dem Hause Raiffeisen. Produziert wird am Vortag in St. Pölten und in Oberlaa: Die Mahlzeiten werden in großen Töpfen gekocht, in Plastik verpackt und verschickt. Die Hasenleitengasse erhält ihre Lieferung um 6 Uhr Früh, zu Mittag wird das Essen von drei Frauen in der Küche in Heißluftöfen gewärmt. Zuvor werden die Speisen auf 2 Grad heruntergekühlt, das "Cook and Chill"-System ist bei den Schulen zurzeit gefragter als das Tiefkühlessen ("Cook and Freeze"). Gourmet beliefert knapp 60 Prozent der Wiener Schulen mit Essen, den Rest versorgt der Konkurrent MAX-Catering.

Obwohl es nach Fisch riecht, ist der Seelachs nur schwer als solcher erkennbar. Zudem gibt es Bio-Reis, Salat und Bio-Pizza für die Vegetarier. Einmal pro Woche gibt es Mohnnudeln, Palatschinken und Kaiserschmarren; die süßen Hauptspeisen sind bei den Schülern besonders beliebt. Und wie schmeckt das gewärmte Essen? In der Ganztagsschule ist man geteilter Meinung: "Für eine Großküche ist es gut." "Es gibt sehr viel Gemüse." "Die Suppe schmeckt nur nach Wasser." "Zu Hause schmeckt es besser", sagen die Kinder. "Auch wenn frisch gekocht werden würde, wären nicht alle zufrieden", sagt die Direktorin Helga Schönbauer. 30.000 Portionen pro Tag werden allein an Wiener Schulen aufgetischt: Für Catering-Firmen sind Schulen ein lukrativer Markt, angesichts des geplanten Ausbaus der Ganztagsschulen können sie sich die Hände reiben. Genaue Zahlen sind schwer festzumachen, aber die Wachstumsrate dürfte, ähnlich wie in Deutschland, bei rund fünf Prozent liegen.