Wien. Zwei Menschen bewerben sich für denselben Job. Sie sind gleich alt und bringen dieselben Qualifikationen mit - doch einer der beiden hat Migrationshintergrund. Das merkt man am Namen, an der Hautfarbe, der Aussprache oder der Kopfbedeckung. Welcher der beiden Bewerber bekommt den Job? Die Wahl vieler Arbeitgeber fällt auf den Bewerber ohne Migrationshintergrund. Johannes Kopf, Vorstand des Arbeitsmarktservice, bemerkt eine starke Diskriminierung von Bewerbern mit Migrationshintergrund.

"Wir sind bei dem Thema nicht gut unterwegs", gestand Kopf am Mittwoch bei einer Diskussionsrunde des Vereins Wirtschaft für Integration. Das Thema der Veranstaltung lautete: "BewerberInnen zweiter Klasse oder mit Vielfalt zum Erfolg?" Menschen mit Migrationshintergrund sind in Österreich offenbar tatsächlich Bewerber zweiter Klasse. Dies belegt eine Studie der Universität Wien, die während der Veranstaltung zitiert wurde: Demnach müssen sich Akademiker mit Migrationshintergrund durchschnittlich 17,5-mal bewerben, um überhaupt zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen zu werden. Autochthone Akademiker müssen sich im Durchschnitt hingegen nur 9,5-mal bewerben.

"Wir sind bei dem Thema nicht gut unterwegs" , gesteht AMS-Vorstand Johannes Kopf (im Bild links). - © Johanna Rauch
"Wir sind bei dem Thema nicht gut unterwegs" , gesteht AMS-Vorstand Johannes Kopf (im Bild links). - © Johanna Rauch

Um die Diskriminierung von Bewerbern mit Migrationshintergrund zu verhindern, wurde vor eineinhalb Jahren in Österreich ein Pilotprojekt zu anonymisierten Bewerbungen gestartet. Billa und Novomatic nahmen daran teil. "Ich hätte mir von dem Projekt mehr erwartet", sagt Johannes Zimmerl, Konzernpersonaldirektor der Rewe AG, im Nachhinein. Menschen, die sich für einen Job im Billa-Konzern bewarben, konnten sich aussuchen, ob sie ihre vollen Daten angeben wollten oder diese schwärzen ließen. Bei den anonymisierten Bewerbungen wurden das Alter, der Name, das Geschlecht und die Herkunft geschwärzt. Von den ungefähr 10.000 Bewerbungen, die in diesem Jahr an Billa gingen, waren laut Zimmerl aber lediglich 15 anonymisiert.

Kopf sieht das Problem des Pilotprojektes darin, dass es den Menschen freigestellt war, sich anonym zu bewerben: "Wenn ich ein junger Mann wäre und gut ausgebildet, dann wäre ich ja blöd, mich anonym zu bewerben." So würden nur jene die anonyme Variante wählen, die das Gefühl hätten, diskriminiert werden zu können. Und das stelle sie schon wieder ins Eck.

"Wir rufen die Polizei! Sie sind falsch bei uns"

Auch Unternehmensberaterin Beatrice Achaleke sieht in der Anonymisierung von Bewerbungen nicht die Lösung des Problems der Diskriminierung. Eine anonyme Bewerbung schütze nicht vor Benachteiligung beim Bewerbungsgespräch. Sie erzählt von einem jungen Mann, dessen Eltern aus Afrika stammen. Am Telefon wurde er von einem Unternehmen zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen - als er jedoch dort auftauchte, bekam er zu hören: "Wir rufen die Polizei! Sie sind hier falsch bei uns." Einem anderen Bewerber, dessen Eltern ebenfalls aus Afrika stammen, wurde gesagt: "Wir sind ein Familienbetrieb, was werden da unsere Kunden sagen? Wir können uns das nicht leisten."