Lehren für unbegleitete junge Flüchtlinge

Oft blieb den Eltern und Kindern nur wenige Stunden Zeit zwischen der Benachrichtigung, dass es Platz auf einem der Transporte gebe und der Abfahrt des Zuges, schildert Wexberg. Eine Situation, die beide Teile überforderte: die Kinder waren oft böse auf Mutter und Vater, dachten, diese wollten sie bestrafen. Und auch die Eltern schafften es nicht, sich adäquat zu verabschieden. Ein Trauma, das zu Reaktionen führen muss: das Kind, das die Puppen wegwarf. Hat es sich schlecht benommen? "Man hat den Kindern ja eingeschärft, sie müssen sich gut benehmen, damit auch noch viele andere Kinder nach England fahren können. Das erzeugte zusätzlichen Druck. Die Kinder waren aber in einem Ausnahmezustand und traumatisiert und reagierten eben unkonventionell."

Lehren kann man aus den Gesprächen mit den "Kindertransport-Kindern" durchaus auch für den Umgang mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen von heute ziehen, betont Wexberg-Kubesch. Was sich in den Gesprächen mit den Betroffenen beispielsweise herauskristallisierte: "Es sind oft die scheinbar kleinen Dinge, die Großes bewirken: mit dem Namen angesprochen zu werden, in der Muttersprache reden zu können, ein gewohntes Gericht essen zu können."

Sich anpassen zu sollen, zu müssen sei für die "Kindertransport-Kinder" ebenfalls ein immer wieder thematisierter Punkt gewesen. Übersetzt ins Heute heißt das für die Therapeutin auch: "Es ist wichtig, hier nicht einen eurozentralistischen Blick zu haben." Soll heißen: wenn man sich bemüht Flüchtlingen kulturell, sprachlich entgegenzukommen, wird die schwierige Situation, ohne Familie in einem fremden Land zu sein, für sie etwas erträglicher. Die Autorin gibt ein Beispiel: Ein 16-jähriger afghanischer Bursche komme nach Österreich. Hier müsse man verstehen, in welcher Kultur er groß wurde. Heimat ist auch Sprache, Küche, Emotionen anders auszudrücken. Diese Heimat dürfe man den Kindern und Jugendlichen nicht auch noch nehmen.