Wien. Ist von Brain Drain die Rede, so hat jeder stets ein bestimmtes Bild im Kopf: Die einen denken an ärmere afrikanische oder asiatische Staaten, aus denen jeder Gebildete flüchtet, sobald er das Geld für die Überfahrt zusammengekratzt oder die Green Card in der Tasche hat. Die anderen sehen den Auszug der Intelligenzija aus den osteuropäischen Ländern.

Beides stimmt - doch auch das "reiche" Österreich hat mit Brain Drain zu kämpfen. Darauf wiesen am Dienstag Heinz Engl, Rektor der Uni Wien, Heinz Fassmann, Vizerektor und Vorsitzender des Expertenrats für Integration, sowie Voestalpine-Vorstandsvorsitzender Wolfgang Eder hin.

300.000 Menschen weniger


Am Anfang steht ein negativer Wanderungssaldo: Die Zahl der österreichischen Staatsbürger, die auswandern, übertrifft seit Jahren die Zahl derer, die zuwandern. Jährlich kommen Österreich 5000 bis 10.000 Personen abhanden - "hochgerechnet haben in den vergangenen 40 Jahren 300.000 Menschen Österreich verlassen", sagt Fassmann. Sieht man sich die Zahlen genauer und nach Bildungsgrad an, wird klar, welches Potenzial da verloren gegangen ist: 3100 Uni- oder Fachhochschul-Absolventen, 2900 Maturanten und 6700 Personen mit Lehre oder Fachschulabschluss haben Österreich 2012 den Rücken gekehrt. Hauptzielländer sind Deutschland, die Schweiz, Großbritannien und Nordamerika. "Diese Staaten konkurrieren direkt mit Österreich um die besten Köpfe", sagt der Experte. Auch in die Türkei zieht es viele - allerdings hauptsächlich Migranten, die nach der Pensionierung in die alte Heimat rückwandern.

"Österreich erbringt also eine hohe Ausbildungsleistung für das Ausland", erläutert Fassmann. Und da geht es nicht nur um die berühmten deutschen Medizinstudenten, die nach erfolgreicher Numerus-clausus-Flucht die mühsame österreichische Turnus-Ausbildung in heimatlichen Gefilden umschiffen. Es geht auch um Drittstaatsangehörige - also Personen, die weder aus der EU, dem EWR noch der Schweiz kommen. Rund 7,5 Prozent aller Studenten kamen im Wintersemester 2012 aus Drittstaaten. Zwar hat sich durch die Einführung der Rot-Weiß-Rot-Karte im Jahr 2011 ihre Situation nach Studienabschluss ein wenig verbessert, aber dafür müssen Absolventen innerhalb von sechs Monaten einen Job finden, der ihnen ein Bruttogehalt von mehr als 2000 Euro bringt. Kein Wunder also, dass bei 1700 Graduierten aus Drittstaaten 2013 nur 214 Rot-Weiß-Rot-Karten für Absolventen ausgegeben wurden.

Deutschland als Konkurrent


Fassmann fordert eine Ausweitung der Suchdauer auf 18 Monate wie in Deutschland, denn "immerhin stehen wir in direkter Konkurrenz zu Deutschland". Zudem müssten auch schon Bachelor-Absolventen eine Rot-Weiß-Rot-Karte bekommen, nicht nur jene mit Masterabschluss. Fassmann fordert ein echtes "One-Stop-Shop"-Modell bei der Bearbeitung der Anträge. Denn derzeit ist zwar offiziell die Botschaft im Ausland zuständig, dazu kommen aber die Prüfungen des Antrags durch AMS, Innenministerium und Behörden.

Auch Voestalpine-Boss Eder kann davon ein Lied singen. Der Konzern beschäftigt alleine in Österreich rund 20.000 Menschen, darunter internationale High Potentials, die mit Desinformation und langen Wartezeiten bei der Beantragung der Rot-Weiß-Rot-Karte zu kämpfen hätten.

Österreich unattraktiv?


Auch sonst sei Österreich im Vergleich zu Konkurrenznationen nicht sehr attraktiv für in- und ausländische Hochqualifizierte. "Wir haben derart hohe Arbeitszusatzkosten, da gehen die Leute lieber nach Katar, Singapur oder Pressburg", sagt Eder. Abgesehen von der hohen Steuerquote werde das gesellschaftliche und politische Umfeld als belastend wahrgenommen. Er ortet eine "Saturiertheit", die Leistungsträgern den Wind aus den Segeln nimmt.

Die hohen Arbeitgeberbeiträge bemängelt auch Rektor Engl. Diese stehen dem Ziel der Uni Wien, durch attraktivere Jobangebote eine "Brain Circulation" zu schaffen, entgegen. "Es geht nicht darum, dass die Leute nach dem ersten Abschluss nicht ins Ausland gehen sollen", sagt Engl. Aber "wir müssen alles dafür tun, dass sie auch wieder zurückkehren wollen." Die Uni Wien stellt daher auch auf ein Laufbahnstellen-Modell um (Tenure-Track), in dessen Rahmen Jungwissenschafter viel früher als bisher die Sicherheit haben, ob sie in der Wissenschaft bleiben können.