Manche Leute argumentieren, dass sich Schwarze in den USA selbst "Nigger" nennen oder schwarze Österreicher "Neger" zu sich selbst sagen. Rechtfertigt das nicht, dass auch andere sie so nennen?

Es gibt hierzulande auch Jugendliche mit Migrationshintergrund, die sich selbst als "Tschuschen" bezeichnen. Das ist keine Seltenheit. Dennoch bedeutet das nicht, dass eine Person außerhalb dieser Gruppen das ebenfalls machen kann, ohne verletzend oder herabwürdigend zu sein.

Könnte ein Begriff wie "Neger" im Laufe der Zeit seine negative Bedeutung verlieren?

Wenn, dann ginge das nur über längere Zeiträume. Möglich ist es schon, dass dieses Wort einmal seine negative Bedeutung verliert und in nicht-herabsetzender Weise verwendet wird. So etwas Ähnliches ist zum Beispiel im Englischen mit dem Wort "gay" passiert. Ursprünglich hieß es so viel wie "fröhlich, heiter" oder "aufgeweckt". Dann wurde es in herabsetzender Weise für homosexuelle Personen verwendet. Mittlerweile hat es schon wieder einiges von seiner negativen Bedeutung verloren.

Glauben Sie, ein Wort könnte verschwinden, wenn man es abkürzt? Etwa, indem man im öffentlichen Diskurs "B-Wort" statt "Bitch" oder "N-Wort" statt "Neger" verwendet?

Auf der einen Seite könnte eine konsequente Vermeidung des Wortes tatsächlich zum Abbau führen. Auf der anderen Seite wirkt "N-Wort" tabuisierend und könnte das eigentliche Wort noch mehr ins Bewusstsein rufen. Es kann sein, dass einfach nur das "N" einmal zum Schimpfwort wird, etwa: "Du N!" Wie sich solche Abkürzungen auswirken, müsste auf einen längeren Zeitraum hin untersucht werden.

Wie könnte "Neger" dann als Schimpfwort am ehesten verschwinden? Ist es besser, wenn einfach nicht mehr öffentlich darüber diskutiert wird, oder braucht es im Gegenteil noch mehr Diskussionen darüber?

Persönlich denke ich, es ist sehr wichtig, das Problem öffentlich zu diskutieren. Alles, was stark tabuisiert oder reglementiert wird, hat einen gewissen Reiz. Den Sprachgebrauch vorzuschreiben, ist jedenfalls ein zweischneidiges Schwert. Sprache hat nämlich viel mit Individualität und Freiheit zu tun. Bereits sehr kleine Eingriffe können als starke Einschnitte gesehen werden. Darum finde ich entscheidend, dass der Diskurs nicht zu sehr mit dem erhobenen Zeigefinger geführt wird. Es steht außer Frage, wie wichtig die öffentliche Diskussion dieses Problems ist. Man sollte sich aber überlegen, wie man das macht.

Könnte der Begriff "Neger", wenn er nicht mehr öffentlich als Schimpfwort verwendet wird, insgesamt aus dem Sprachgebrauch verschwinden? Oder verhält es sich ähnlich wie mit vulgären Wörtern, die dann in bestimmten Umfeldern trotzdem verwendet werden?

Wenn ein Wort im öffentlichen Diskurs nicht mehr verwendet wird, kann das schon dazu führen, dass es abgebaut wird. Das geht aber nicht von heute auf morgen. Die Sprache ist ein gesellschaftliches Phänomen, und wenn Teile der Gesellschaft - wie zum Beispiel Politiker oder andere Personen, die in der Öffentlichkeit stehen - das Wort nicht verwenden, kann das schon etwas bewirken. Andererseits werden vulgäre Wörter öffentlich selten verwendet - sie sind und bleiben trotzdem fester Bestandteil des Wortschatzes.