Wien. "Glauben wir nicht, dass wir widerstandsfähiger sind als unsere Vorfahren." Einen dringenden Appell, die Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen und für Freiheit und Demokratie zu kämpfen, richtete am Montag der ehemalige tschechische Außenminister Karl Schwarzenberg im alten Reichsratssitzungssaal des Parlaments an alle Generationen. Bereits zum 17. Mal gedachte das Hohe Haus mit einer Gedenkveranstaltung - dem Tag gegen Gewalt und Rassismus - am Montag der Befreiung des Konzentrationslagers Mauthausen am 5. Mai 1945. Im Fokus standen heuer das Konzentrationslager Theresienstadt und die Werke von verfolgten Musikern.

Schwarzenberg sprach von einer "Erinnerungspflicht" und kritisierte eine Selbstgerechtigkeit, die heute oft herrsche, wenn auf die Generation der Väter und Großväter hingewiesen werde, und "wir gar nicht bemerken, dass wir vielleicht selber schuldig werden könnten". "Die Gefahr und die Versuchung ist heute noch vorhanden", mahnte Schwarzenberg. "Wir glauben immer noch, wenn wir statt Zigeuner Roma sagen, dass wir unsere Pflicht getan haben", kritisierte er. "Wir können nicht genug wachsam sein", betonte Schwarzenberg. "Wir müssen den Anfängen wehren."

"Geschichte verpflichtet", sagte Nationalratspräsidentin Barbara Prammer. Und: "Der 5. Mai ist ein Zeichen des Respekts gegenüber den Opfern geworden, aber auch Symbol für das Bekenntnis zur Verantwortung der Republik gegenüber den Ereignissen der NS-Zeit." Gedenken sei ein "zutiefst demokratisches Anliegen und damit Verpflichtung für jede und jeden Einzelnen". Die Europäische Union sei der Beweis dafür, dass "ein friedliches Zusammenleben der Völker Europas möglich ist".

Wachsam gegen Verharmlosen

Auch Bundesratspräsident Michael Lampel rief dazu auf, wachsam zu sein, "wenn diese Verbrechen in irgendeiner Form relativiert werden". "Es darf kein Verharmlosen, es darf kein Vergessen geben", sagte Lampel.

Im Anschluss führten Studierende der Musikuni die Kinderoper "Brundibár" (Die Hummel) von Hans Krasa und Adolf Hoffmeister auf. "Brundibár" entstand im Jahr 1938 und wurde im Lager Theresienstadt ab 1943 viele Male aufgeführt. Von den Mitwirkenden haben nur wenige überlebt, darunter die Zeitzeugin Eva Herrmannová, die ebenso wie Dagmar Lieblová im Rahmen der Veranstaltung von der Zeit im Lager Theresienstadt erzählte.

Kanzler Werner Faymann betonte in einer Aussendung, dass der Gedenktag uns ermahnen soll, "dass wir wachsam bleiben und mit Nachdruck gegen Gewalt und Rassismus auftreten müssen".

Wissen: 8. Mai

Am 8. Mai 1945, drei Tage nach der Befreiung des Konzentrationslagers Mauthausen, folgte die bedingungslose Kapitulation der Deutschen Wehrmacht. Lange fand an diesen Tag das höchst umstrittene "Heldengedenken" statt, in dessen Rahmen die Burschenschafter zur Krypta am Heldenplatz zogen. Am Donnerstag gibt es nun zum zweiten Mal ein Alternativprogramm: Unter dem Titel "Fest der Freude" veranstalten Mauthausen Komitee, Widerstandsarchiv, Israelitische Kultusgemeinde und der Verein Gedenkdienst ein Gratiskonzert der Wiener Symphoniker. Start ist um 19.30 Uhr mit zahlreichen Rednern, darunter Prammer, Faymann und ein Zeitzeuge.

Bereits am Vormittag (ab 9.30 Uhr) findet an der Landesverteidigungsakademie ein Symposium zur Frage, wie aus jungen Männern Massenmörder werden, statt. Neben Verteidigungsminister Gerald Klug wird Oscar-Preisträger Stefan Ruzowitzky ("Das radikal Böse") teilnehmen.