Wien. Die nigerianische Terror-Organisation Boko Haram entführte vor einem Monat rund 200 Schülerinnen aus dem Bundesstaat Borno im Nordosten des Landes, was zu einer weltweiten Protestwelle unter dem Banner #BringBackOurGirls führte. Etwa 40 Demonstranten haben sich am Freitag trotz heftigen Regens am Schwarzenbergplatz versammelt und sind gemeinsam zur nigerianischen Botschaft im 3. Bezirk marschiert.

Veranstaltet wurde der Protest vom Dachverband der nigerianischen Gemeinschaft in Österreich, Nanca (National Association of Nigerian Community Austria). Zu dem Protestmarsch hatten sich verschiedene nigerianische Vereine versammelt, einige Teilnehmer waren eigens aus Salzburg und Graz angereist. "Nigeria hatte vor Boko Haram keine Erfahrungen mit Terrorismus", betont der Obmann von Nanca, Louis Asuzu. "Lange Zeit war es friedlich bei uns." Schriftführer Osaro Osayi antwortet auf die Frage, ob die nigerianische Regierung das Problem lösen könne: "Wir haben Vertrauen in die Regierung. Aber sie sind zu spät dran, sie wollten es nicht wahrhaben. Jetzt kooperiert sie mit anderen Regierungen, wie den USA oder Großbritannien, die bereits ihre Erfahrungen mit Terroristen gemacht haben. Wir haben gerufen und wurden gehört."

Osayi ist der Meinung, dass in den westlichen Medien generell wenig über Nigeria und die Anschläge durch Boko Haram berichtet wird. Erst die Entführung der Mädchen hatte zu einem weltweiten Aufschrei geführt, nicht zuletzt nachdem Michelle Obama sich mit einem #bringbackourgirls-Schild ablichten ließ. Kritisiert wurde in Bezug auf den sogenannten "Hashtag-Aktivismus", dass dieser oft oberflächlich sei und sich außerdem nur auf die Entführung fokussiere und so verschleiere, dass die radikalislamische Gruppe bereits seit 2009 immer wieder Anschläge verübt. Allein in diesem Jahr töteten sie zwischen 1500 und 2000 Menschen.

Angst vor Folgen des Terrors

"Wir machen uns Sorgen", meint ein älterer Mann. "In Nigeria kennen wir Terrorismus in dieser Form nicht." Derzeit beschränke sich der Terror von Boko Haram noch auf den Nordosten Nigerias. Hier waren auch die Schülerinnen aus einem Internat in der Ortschaft Chibok verschleppt worden. Im Norden des Landes leben vor allem ärmere Menschen. "Für diese Bevölkerungsgruppe, für die Mädchen und ihre Eltern ist es nicht selbstverständlich, überhaupt in die Schule gehen zu können", sagt Adeline Uwakwe, Obfrau des Vereins Igbo Women Association Austria. Igbo ist eine von mehreren hundert in Nigeria gesprochenen Sprachen. "Ich habe selbst drei Kinder und kann mir vorstellen, dass sich in dieser Gegend jetzt viele Menschen nicht mehr trauen, ihre Kinder in die Schule zu schicken, aus Angst vor weiteren Anschlägen und Entführungen. Das ist das Tragische daran."