Wien. Alois H. trägt am Europaplatz vor dem Wiener Westbahnhof Briefe aus. Die Europa-Adresse weckt keinerlei Emotion bei ihm. Schon gar nicht kommen dem Postler die Europawahlen in den Sinn, er geht nicht hin.

Ja, zur Wiener Gemeindewahl 2015, da geht er fix hin. Er ärgert sich nämlich über die Mariahilfer Straße. Aber die Europäische Union? Die berührt ihn zu wenig, um das Sonntagsprogramm zu ändern. Und sie regt ihn offenbar auch zu wenig auf.

Der Postler hat die Wahlplakate auf seinen Touren studiert, er kennt den scheidenden Kommissionspräsidenten Barroso und ein paar Aussagen von ihm, er weiß, dass die Wahlbeteiligung seit dem EU-Beitritt 1995 stark gesunken ist und anderen Ländern sogar unter 20 Prozent liegt. Aber er hat nicht das Gefühl, dass das Diskutierte, das Plakatierte, diese "Stehsätze" sein Leben beträfen.

Und selbst wenn er hinginge: Der Einfluss von Österreich sei doch viel zu gering. Was soll er außerdem von EU-Parlamentariern erwarten, die bei Sitzungen ihre Anwesenheit abstempeln, wie er vermutet, wieder gehen und dafür das X-Fache verdienen?

Alois H. ist nicht prinzipiell gegen die EU, und er glaubt auch nicht, dass die Leute prinzipiell dagegen sind. Er könnte sich sogar mehr Europa vorstellen, wenn er spürbar davon profitierte. Aber eigentlich merkt er nur, dass die Preise steigen, sein Gehalt aber nicht.

Ja, er reist gerne über Grenzen. Aber für seine Lieblingsdestination England braucht er, obwohl es in Europa liegt, noch immer einen Pass. Bringen offene Grenzen nicht auch mehr Handel, mehr Umsatz, mehr Jobs? Er nickt und sagt, das mag schon sein. Aber die Nachteile der offenen Grenzen überwiegen für ihn. Die Kriminalität aus Osteuropa etwa, die sicher deutlich gestiegen sei. Dass Rumänien und Bulgarien bei der EU sein dürfen, will ihm nicht eingehen. Ebenso suspekt ist ihm das Treiben der Konzerne und Manager. Ein Einbruch für 100 Euro würde härter bestraft als die Millionen-Schäden bei der Hypo. Wo ist da die EU?

Alois H. repräsentiert die absolute Mehrheit der Österreicher. Denn nur knapp über 40 Prozent werden am Sonntag ein Kuvert einwerfen, sagen Prognosen. Wir haben sechs EU-Abgeordnete gefragt, wie Sie dem Postler doch noch in die Wahlzelle locken.

"Lieber Alois H., auch ich bin über die liberal-konservative Führung der EU verärgert. Jetzt aber besteht endlich die Chance auf einen sozialdemokratischen Richtungswechsel", sagt die Europa-Abgeordnete der SPÖ, Evelyn Regner. "Wir treten für öffentliche Dienstleistungen ein, wollen also keine Privatisierung von Wasserversorgung oder Post, bei der Sie beschäftigt sind. Zu den hohen Preisen, die Sie beklagen: Die steigen dank Euro derzeit im Schnitt um zwei Prozent, in den 1970er Jahren waren es im Schnitt sechs Prozent Inflation. Und die EU verschont mit der Bankenunion Steuerzahler künftig vor Kosten für marode Banken, das hätte einen Hypo-Skandal verhindert. Wir haben von der EU profitiert, wir können uns nicht vor der Welt verschließen."

Auch die Grüne Madeleine Petrovic, die per Vorzugsstimmen ins EU-Parlament will, warnt vor Privatisierungen: "Gewinnen die konservativen und reaktionären Kräfte, wird privatisiert. Beispiele aus der Vergangenheit gibt es dafür genug. Was härtere Strafen für Wirtschaftskriminelle, Steuerflüchtlinge und machthungrige Lobbyisten betrifft, bin ich ganz bei Ihnen. Um das zu bekämpfen, brauche ich aber Ihre Stimme. Die ist wichtiger denn je!"

ÖVP-Europa-Abgeordnete Elisabeth Köstinger redet dem Postler ins Gewissen: "Lieber Herr H., jeder 2. österreichische Arbeitsplatz wird im Export erwirtschaftet - auch ein teilstaatliches Unternehmen wie die Post profitiert davon. Wenn unsere Wirtschaft nicht so gut liefe, dann könnte auch jede zweite Postfiliale gleich einmal zusperren. Wären davon nicht auch Ihr Arbeitsplatz und Ihre Pension betroffen? Die Mariahilfer Straße und die Frage, ob dort Radfahren und Eisschlecken erlaubt sind, das ist nicht der Nabel der Welt. Und vergessen Sie nicht: Demokratie verträgt es nicht, wenn man sich von ihr abwendet - gerade jetzt, wo die Ukraine fast explodiert, nur eine Flugstunde von Wien entfernt. Mitreden oder fremdbestimmt werden - wofür entscheiden Sie sich am Sonntag?"

Bei FPÖ-Spitzenkandidaten Harald Vilimsky rennt Alois H. offene Türen ein: "Wenn Sie sagen, Österreich kann zu wenig in der EU mitentscheiden, gebe ich Ihnen recht. Deswegen wollen wir viele Kompetenzen nach Österreich zurückholen, damit mehr auf rot-weiß-rotem Boden entschieden wird. Abgesehen davon: Das Wahlrecht ist heilig!"

Mit den gewohnten "good vibes" versucht Angelika Mlinar von den Neos, dem Postler Beine zu machen: "Lieber Herr Alois, geschenkt wird einem nichts, da haben Sie recht. Fürchten darf man sich aber auch nicht vor zu viel. Österreich hat von der Osterweitung unglaublich profitiert. Sie spüren es vielleicht nicht direkt im Börserl, aber für die Entwicklung der Wirtschaft, der Jobsicherheit, für den Handel war es sehr wichtig.

Wir dürfen die Idee einer friedlichen Union, die Wohlstand sichert, nicht an den Nagel hängen und in eine Schrebergartenmentalität zurückfallen. Migrationspolitik, Außen- und Sicherheitspolitik, Datenschutzrecht sind große Themen, die unbedingt auf EU-Ebene gelöst werden müssen. Haben Sie Mut, vertrauen Sie Europa, greifen sie nach den Sternen, gehen Sie am Sonntag zur Wahl."

Umgarnt wird Alois H. von der Allianz aus KPÖ, Piraten und Wandel: "Lieber Alois, wir verstehen Deine Skepsis: Das EU-Parlament hat zu wenig Macht und im Wahlkampf geht’s viel zu oft um Nebensächliches. Wir brauchen dringend ein Europa, in dem die Menschen anstatt der Konzerne und Banken das Sagen haben."

Und, Herr H., überzeugt? Werfen Sie doch auch am Sonntag ein Briefkuvert ein?