Auf der Donauinsel erzeugt die EU-Wahl ungefähr so viel Emotion wie der nächste Arbeitstag. - © Benjamin Breitegger
Auf der Donauinsel erzeugt die EU-Wahl ungefähr so viel Emotion wie der nächste Arbeitstag. - © Benjamin Breitegger

Wien. Ins Wasser gehen vorerst nur die Hunde. Doch die Dichte an Bikinis und nackten Oberkörpern ist für Ende Mai beachtlich. Die Donauinsel in voller Pracht. Bei der Reichsbrücke skaten die Jungen, auf den Bankerln sitzen die Alten, strecken die müden Massen ihre Glieder zum Ausklang des Wochenendes von sich.

Nirgendwo scheint die Richtungsentscheidung von 400 Millionen Bürgern über die Zukunft Europas weiter weg als hier. Kein Wahlplakat und keine hitzige Polit-Debatte lenken ab von der Vorsommeridylle. Die Sonnenanbeter auf die EU-Wahlen anzusprechen ist, als würde man sich in genau diese Sonne stellen und einen langen Schatten werfen.

"Wie? Nein, ich war nicht wählen", rückt sich der 24-jährige Handelsangestellte Markus seine Ray-Ban zurecht. Sein Billa-Sackerl ist mit kühlem Bier gefüllt. Es ist 14.30 Uhr. Sein Freund Mario, ein IT-Techniker, wirft ein: "Die Wahllokale schließen doch erst am Abend." Markus überlegt, nimmt einen Schluck vom 16er-Blech und sagt vergnügt: "Dann schieb ich es aufs Wetter." Einzig Freund Sebastian hätte mitgestimmt in Europa, doch dafür hätte sich der Tiroler eine Wahlkarte besorgen müssen. Und das war es ihm dann doch nicht wert.

Noch vorbildlich im Vergleich zu Nachbarn


Die Wahlbeteiligung bei Europawahlen ist tendenziell niedriger als bei allen anderen Wahlen. In Österreich bleibt eine absolute Mehrheit daheim - oder geht am Wahllokal vorbei direkt auf die Donauinsel. Im Vergleich zu 2009 - damals lag sie bei 46 Prozent - sank die Wahlbeteiligung am Sonntag weiter auf 44,9 Prozent.

Dabei nehmen die Österreicher die Europäische Union ernster als viele andere Länder in der EU. In der Slowakei gingen nur noch 13 Prozent wählen, in Rumänien nur knapp über 20 Prozent.

Auch die Haidingers sehen sich nicht als Teil der europäischen Familie. "Wir waren beide nicht wählen", sagt die 42-jährige Bürokauffrau Monika Haidinger, die neben ihrer 17-jährigen Tochter auf einer Bank sitzt und das Gesicht in die Sonne hält. "Es gibt viel zu wenig Information über Brüssel, außerdem cashen die Politiker dort nur ,fett‘ ab." Der Freund der Haidingers erzählt, er habe zwar ein Eis von der ÖVP spendiert bekommen. Doch das war ihm nicht genug.

Tochter Denise sagt, dass es in der Berufsschule wenig Infos über die EU gebe. Und wenn sie etwas mitbekommt, sei das viel zu abstrakt. "Mich selbst informieren? Für diese ganzen TV-Shows fehlt ihr die Zeit, weil sie auch am Abend arbeiten muss.

Weiter unten am Südufer, geschützt vor eindringlichen Blicken, sonnt sich Natalie (17) neben ihrer Freundin Urielka im Bikini in der Sonne. "Wir haben null Interesse an Politik. Ich geh’ auch nicht zur Nationalratswahl. Die ganzen Plakate, die sehe ich schon gar nicht mehr."

Auf Europa fährt niemand so recht ab


Es dauert, bis sich der erste Wähler deklariert. "Es bringt doch eh nichts", sagt der 48-jährige Michael, der sich gerade unter der Reichsbrücke seine Inline-Skates anzieht. Wählen war er trotzdem - aus Gewohnheit. Gemeinsam mit Josina, die nicht wählen war, erhebt er von der Bank, und sie zischen ab. Ein älteres Ehepaar freut sich über den freien Platz. "Ich heiße Franz Josef - wie der Kaiser", sagt der 90-Jährige. Der Kaiser war, so wie die 78-jährige Elisabeth neben ihm, wählen. Angesichts seiner Schimpftiraden über die Gurkenkrümmung, Araberländer und "die in Brüssel" kann man sich schon ausmalen, für welche Partei er sich entschieden hat.

Deklariert die FPÖ gewählt hat der 56-jährige Mechaniker Kurt. Er bräunt seinen nackten Oberkörper in der Floridsdorfer Sonne und liest die "Kronen Zeitung". "Ich wähl immer FPÖ - aus Überzeugung. Was der Mölzer gesagt hat, das war ein Ausrutscher. Das kann man im Wirtshaus sagen, aber öffentlich geht das nicht."

Von Nationalrats- oder Wienwahlen würde die meisten ein sonniger Tag nicht abhalten. Aber bis die EU einen Platz an der Sonne bekommt, muss noch viel Wasser die Donau hinunterfließen.