Wien. Kein Krebs tritt in Österreich so häufig auf wie das Brustkarzinom. Und das, obwohl fast ausschließlich Frauen daran erkranken, mehr als 5000 sind es jährlich, und rund 1500 sterben daran. Brustkrebs ist damit für drei bis vier Prozent der Todesfälle bei Frauen verantwortlich, so steht es in den Statistiken.

Seit Jänner werden in Österreich nun deshalb monatlich 63.000 Briefe an Frauen im Alter zwischen 45 und 69 Jahren verschickt. Der Brief ist eine Einladung zur Mammografie, der röntgenologischen Untersuchung der Brust, die jetzt jede gesunde Frau alle zwei Jahre vornehmen lassen kann. Und dieser Brief soll etwa 300 Frauen jährlich das Leben retten, statistisch gesehen.

Das Gesundheitsministerium rechnet mit dieser Reduktion der Mortalität, wenn statt bisher 40 künftig 70 Prozent der Frauen regelmäßig ihre Brust untersuchen lassen. Es gibt Studien, die weit weniger Optimismus versprühen beziehungsweise das Screening-Programm gar nicht empfehlen, doch selbst die Annahme des Ministeriums unterliegt einer ganz wesentlichen Voraussetzung: Es kann nur funktionieren, wenn eben sehr viele Frauen diese Einladung annehmen. Daher stellt sich die Frage: Was, wenn nicht?

Dazu ist es sinnvoll, sich zu überlegen, warum der Staat überhaupt ein derartiges Screening-Programm organisiert, das zunächst einmal aufwendig und teuer ist. Und das wohlgemerkt in Zeiten knapper werdender Budgets und steigender Gesundheitsausgaben. "Staaten denken nicht nur volkswirtschaftlich, in den USA zwar mehr als in Kontinentaleuropa, aber es gibt hier zwei Argumentationsstränge", sagt Barbara Prainsack, Professorin für Sozialwissenschaften und Gesundheit am Londoner King’s College. "Der eine ist ein ökonomischer, dass ein Screening in vielen Fällen sinnvoll ist, weil es sonst langfristig zu höheren Kosten führt, wenn später diagnostiziert und kostenintensiv behandelt werden muss. Das zweite Argument ist aber, dass Staaten nach den absoluten Monarchien die Aufgabe haben, ihre Bevölkerung gesund zu halten."

Betreuung für alle


Hinter diesem Argument könnte man natürlich ebenso ökonomische Motive vermuten, denn nur, wer gesund ist, kann auch arbeiten und der Produktivität dienen. "So ist es aber eigentlich in keinem Staat der Welt in Reinkultur", sagt Prainsack, und schon gar nicht sei das in Österreich der Fall. Auch Pensionisten erhalten hier die übliche medizinische Betreuung, und das kann auch bedeuten, dass 90-Jährige nach einem Sturz auf Rehabilitation geschickt werden. "In den meisten Staaten ist das ein nicht hinterfragbares Ziel, die Bevölkerung gesund zu halten. Und glücklich. Man könnte ja sonst auch in Wien alle Parks verkaufen, aber man tut es nicht, weil eben nicht rein ökonomisch gedacht wird."

Sollten sich also wenige Frauen an dem Screening-Programm beteiligen, könnte das Ministerium werben, die Ärztekammer aufklären, vermutlich wird nicht allzu viel passieren. Es ist nicht zu erwarten, dass aus der Einladung eine Art Befehl wird.

Doch wie reagiert die Gesellschaft, wenn sich Frauen dem Programm entziehen? Das ist eine zweite, durchaus spannende Frage. Denn in dem Moment, in dem der Einladungsbrief im Postkasten liegt, müssen die Angeschriebenen eine Entscheidung treffen. Vielleicht wollen sie ganz einfach nicht untersucht werden oder haben Angst davor. Doch während eine Mammografie früher einfach kein Thema für sie war, müssen diese Frauen nun eine Einladung ausschlagen. Das mag zwar nur ein kleiner Unterschied sein, aber es ist ein wesentlicher.

"Es gibt heute mehr Technologien, mehr Tests, mehr Möglichkeiten, Krankheiten zu diagnostizieren. Und das bedingt einen Trend dahin, dass man diese Möglichkeiten auch nutzt", sagt Prainsack. So wurde etwa auch im Zuge der Einführung des Mammografie-Screenings bereits der Ruf nach einer ähnlich organisierten, regelmäßigen Darmspiegelung laut. Und die Medizin ist längst schon viel weiter. Das Schlagwort heißt Gentest.

Gentests als nächste Stufe?


Mit der Analyse des Erbguts lassen sich heute eine ganze Reihe an späteren Erkrankungen vorhersagen, von Parkinson bis Rheuma, beziehungsweise lässt sich die Wahrscheinlichkeit definieren - hier ist wieder die Statistik am Wort -, eine bestimmte Krankheit zu entwickeln. Irgendwann. Deshalb hat der Fall Angelina Jolie nicht nur in Klatschblättern für Aufsehen gesorgt, sondern auch in der Wissenschaft. Die Schauspielerin hatte sich beide Brüste vorsorglich amputieren lassen, da sie ein Gen in sich trägt, das ihr eine sehr hohe Disposition zu Brustkrebs zumisst.

Es war ihre ganz persönliche Entscheidung, so zu handeln, doch angestoßen dadurch wurde in den USA darüber diskutiert, ob es spezielle oder gar obligatorische Screenings braucht, um schon bei Neugeborenen seltene Krankheiten zu erkennen, auch wenn diese noch nicht ausgebrochen sind und vielleicht auch nie ausbrechen werden.

Gentests sind noch nicht im Mainstream angekommen, dafür gibt es zahlreiche andere Untersuchungen, die längst so selbstverständlich sind, dass eine Nicht-Teilnahme im besten Fall als Protest, im schlechtesten als dumme Sorglosigkeit wahrgenommen wird. Wer drei Jahre nicht beim Zahnarzt war und Schmerzen hat, ist schnell einmal selbst schuld, obwohl es überhaupt nicht ungewöhnlich ist, wenn ein Zahnarzt bei regelmäßigen Kontrollen in diesem Zeitraum keinen Anlass zum Bohren findet.