Wenn nicht die NMS, was aber dann? Ein weiteres heißes Eisen der Bildungspolitik in letzter Zeit war die Ganztagsschule. Diese ist nämlich eigentlich auch eine sehr gute Idee, wie alle Bildungsforscher übereinstimmend feststellen. Denn durch halbtägige Schulformen wird nicht nur die Berufstätigkeit der Eltern und damit das Familieneinkommen beschränkt, sondern werden wiederum soziale Unterschiede einzementiert.

Doch auch die Ganztagsschule ist in Österreich nicht das, wonach es aussieht: Zwar gibt es derzeit rund 130.000 Ganztagsschulplätze, diese sind aber nur zu einem geringen Anteil "echte" Ganztagsangebote in verschränkter Form. Im Schuljahr 2012/13 haben in ganz Österreich nur 1,8 Prozent der Schüler diese Form des Unterrichts genossen, bei der sich Lernphasen und Pausen den ganzen Tag über abwechseln. Der verbreitete "Ganztagsschultyp" ist eine integrierte Hortbetreuung: Der Unterricht findet am Vormittag statt - manche der Kinder werden eben am Nachmittag beaufsichtigt. Die Migrationsforscherin Gudrun Biffl von der Donau Uni Krems nennt diese Form der Ganztagsschule "bizarr": "Die verschränkte Form ist die Idee dahinter, alles andere ist Quatsch."

Die echte Ganztagsschule scheitert derzeit an unterschiedlichen Enden, das größte Problem ist aber wohl die räumliche Ausstattung: Ganztagsschulen brauchen neben einer Kantine und mehr Platz für das Lehrpersonal auch Rückzugsorte und Sportmöglichkeiten. Für den Ausbau und die Anstellung von Freizeitpädagogen stellte der Bund zwischen 2011 und 2013 jeweils 80 Millionen Euro jährlich an Anschubfinanzierung zur Verfügung, zwischen 2014 und 2018 sollten es 160 Millionen sein. Weil die Gemeinden aber oft selbst nicht über die Mittel verfügen, das Geld aufzustocken, sind zwischen 2011 und 2013 insgesamt 50 Millionen Euro nicht abgeholt worden - Geld, das Unterrichtsministerin Gabriele Heinisch-Hosek in den kommenden Jahren von den geplanten 160 Millionen abzieht und zur Budgetsanierung verwendet.

Mehr Geld im System ist nicht die einzige Notwendigkeit

Wie kann bei all diesen Baustellen aber dennoch die Chancengleichheit erhöht werden? Für eine Maßnahme bräuchte man zunächst einmal gar keine zusätzlichen Mittel, sagt Biffl: "Es ist mit mehr Geld im System nicht getan." Zunächst einmal müssten die Unterstützungsstrukturen in der Schule neu organisiert werden. Möglichkeiten wären da zum Beispiel Lernen im Team und Mentoringprogramme, in deren Rahmen gute Schüler schlechteren helfen. Dazu braucht es nicht einmal unbedingt einen zweiten Lehrer in der Klasse - allerdings müssten die Lehrer besser ausgebildet sein. Biffl plädiert in diesem Zusammenhang für eine Weiterbildungspflicht für Lehrkräfte. Gleichzeitig müssten aber ausreichend Räumlichkeiten für die Lehrer in der Schule und Computer zur Verfügung stehen.

Eine international bereits erprobte andere Möglichkeit, mehr Chancengleichheit zu erreichen, hat der Linzer Soziologe Johann Bacher auf Österreich umgelegt: die Mittelvergabe an Schulen nach bestimmten Indikatoren. Mehr Mittel könnten etwa Schulen bekommen, die einen großen Anteil an Kindern haben, deren Eltern einen niedrigen Bildungsstand oder sozioökonomischen Status haben. Über den Einsatz der Mittel etwa für mehr muttersprachlichen Unterricht könnte - entlang bestimmter Kriterien - der Schulgemeinschaftsausschuss entscheiden.

Ein anderer Ansatz, der in Österreich noch kaum interessant ist, ist das Konzept der "Schulen des 21. Jahrhunderts". In den USA gibt es 1300 solcher Schulen nach einem ganzheitlichen Ansatz: Schon ab der Geburt der Kinder kümmern sich Vertreter der Schule um die Eltern - in allen sozialen, gesundheitlichen, sprachlichen oder erzieherischen Fragen. Die Kinder werden ganztägig betreut, für Schulkinder gibt es je nach Bedarf auch ein Programm vor und nach der Schule sowie in den Ferien. Auch das Gesundheitssystem ist an die Schule angedockt. In Europa gibt es ähnliche Projekte wie Quims (Qualität in multikulturellen Schulen) in Zürich.

An Best-Practice-Beispielen mangelt es also nicht. Aber um das in Österreich in der Verfassung verankerte Recht auf Chancengleichheit in der Bildung mit Leben zu erfüllen, braucht es erst einmal ein politisches Bekenntnis dazu. Ansonsten wird das Kind aus Döbling immer dem aus Favoriten den Rang ablaufen.