Für Jürgen Altmann von der AG Physik und Abrüstung der Deutschen Physikalischen Gesellschaft ist diese Mitbenutzung der öffentlichen Einrichtungen ein Hauptargument für mehr Transparenz bei den Fördergeldern. Er kritisiert, dass nicht nur bei Auftragsforschung, sondern auch bei Forschungsförderung nicht über alle Projekte berichtet wird, und sagt: "Ich würde mir wünschen, dass Hochschulen in Europa alle ihre geförderten Projekte auf ihrer Internetseite bekanntgeben."

Für den Physiker und Friedensforscher sind die Ziele des Pentagons klar: "Die US-Luftwaffe pflegt Kontakte zu Labors, um jenseits der Veröffentlichung an Zusatzinformationen zu kommen. Sie wollen Zugriff auf Fertigkeiten, die im Militärbetrieb nicht vorhanden sind." Ein US-Strategie-Papier, das der "Wiener Zeitung" vorliegt, bestätigt Altmanns Einschätzung. In dem Dokument der Forschungsabteilung der US-Luftwaffe heißt es, Ziel der internationalen Zusammenarbeit mit Universitäten sei es, technologische Überraschungen zu vermeiden und Partnerschaften zu stärken. Und weiter: "Für das Verteidigungsministerium ist es wichtig, bei den für das Pentagon wichtigen Themen eine Vorreiterrolle in der Grundlagenforschung einzunehmen, egal ob in den USA oder in Übersee."

Die Universitäten sehen das erwartungsgemäß anders. Das Institut für Nanobiotechnologie an der Boku berichtet, dass alleine für eine Professur an ihrem Department rund 70.000 Euro zur Verfügung gestellt wurden, ohne an ein vorgegebenes Projekt gebunden zu sein. In Summe seien seit 2003 fast drei Millionen US-Dollar an Fördermitteln des US-Militärs eingeworben worden, und anders als bei anderen Drittmittelprojekten seien die Patentrechte bei der Hochschule verblieben.

"Das US-Militär ist keine gemeinnützige Einrichtung, sondern eine Einrichtung, die im Zweifelsfall mit Gewalt politische Ziele durchsetzt", sagt Altmann, "Teil seines Auftrags ist es, Forschung zu finanzieren, die perspektivisch militärisch anwendbar ist. Über diesen militärischen Hintergrund sollte man nicht einfach hinwegsehen." Liebert betont, es müsste im Einzelfall überlegt werden, welche Ziele das US-Militär mit dem Projekt verfolgt - und dazu wären die Forscher selbst am besten in der Lage. Er spricht sich für eine öffentliche Debatte aus, ohne die Forscher dabei an den Pranger zu stellen, denn "in Zeiten, in denen es immer schwieriger wird, an Forschungsgelder zu kommen, ist Geld aus militärischen Töpfen verführerisch".

Damit argumentiert auch die Boku: "Vor dem Hintergrund einer beschämend niedrigen Forschungsförderung in unserem Land und mangelnder Förderung für die Ergänzung und Erneuerung von Grundausstattung ist klar, dass die Einwerbung dieser Mittel auch als signifikante Entlastung für das Budget der Boku zu bewerten ist."

Doch auch Weish stellt dem US-Militär edle Absichten in Abrede: "Das Pentagon forscht sicher nicht für friedliche Zwecke. Es geht um Macht und um Überlegenheit." Von einem Wissenschafter müsse man verlangen können, dass er sich für die Folgen seines Tuns verantwortlich fühlt. "Es sind lauter kleine Bausteinchen, die so zusammengesetzt sind, dass man das Endprodukt, das dem Krieg dient, nicht erkennen kann."

In Deutschland hat die Berichterstattung im Vorjahr eine Debatte über die ethischen Grenzen von Wissenschaft entfacht und war Anlass für parlamentarische Anfragen. Hamburg, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen haben inzwischen die Transparenz-Regeln für Drittmittelforschung verändert. Die Einrichtung von Ethikkommissionen wurde verpflichtend, das Wissenschaftsministerium in Niedersachsen hat alle Projekte abgefragt, die sicherheitstechnische oder militärische Auftraggeber nahelegen. Dadurch wurden weitere US-Forschungsprojekte in Millionenhöhe identifiziert, unter anderem Drohnenforschung oder die Entwicklung von Langstreckenraketen. Künftig müssen niedersächsische Hochschulen alle Drittmittelprojekte offenlegen. Und jüngst hat sich Niedersachsens Forschungsministerin Heinen-Klajic dafür ausgesprochen, zumindest geheime Militärforschung komplett von öffentlichen Hochschulen zu verbannen. "Ich verstehe nicht, warum Forschungsfreiheit etwas mit Geheimhaltung zu tun haben sollte", sagt auch der Rüstungskritiker Altmann.

In Österreich sind die Universitäten bisher nicht verpflichtet, die Vertragspartner ihrer Drittmittelprojekte offenzulegen. Die Zusammensetzung der Drittmittel wird lediglich in ihrer Wissensbilanz nach groben Kategorien erfasst. "Die Verantwortung für die Übernahme konkreter Aufträge sowohl in wirtschaftlicher als auch inhaltlicher Hinsicht trägt die jeweilige Universität im Rahmen ihrer Autonomie", heißt es seitens des Wissenschaftsministeriums, und: "Wir gehen davon aus, dass die bestehenden internen Kontroll- und Bewilligungsmechanismen an den einzelnen Universitäten ausreichen und dass die handelnden Personen verantwortungsvoll agieren. Bislang sind keine Probleme bekannt geworden, die eine Änderung in diesem Bereich rechtfertigen oder nahelegen würden."

Anders sieht das Sigrid Maurer, Wissenschaftssprecherin der Grünen. Sie kündigt eine parlamentarische Anfrage an. Diese soll klären, "ob es tatsächlich militärische Forschung in Österreich gibt". Dass Unis immer stärker auf Drittmittel angewiesen sind, sei "sehr problematisch". Mit Geldern von privaten Unternehmen kämen auch private Interessen an die Universitäten, das sei mit der Freiheit von Wissenschaft nicht vereinbar.

Ähnlich argumentiert der Naturwissenschafter Weish, wenn er von "steigender Abhängigkeit von Drittmittelgebern" und dem "Verlust akademischer Freiheit" spricht. Ironischerweise argumentieren die Universitäten und das Wissenschaftsministerium mit der Freiheit der Wissenschaft und der Autonomie der Universitäten, die keine stärkere Kontrolle zulasse. Einige Universitäten in Deutschland (Kassel, Freiburg sowie Emden/Leer) haben jüngst eine Zivilklausel, die Hochschulmitglieder auf friedliche Forschung verpflichtet. Solch eine Klausel wird derzeit auch an der Boku diskutiert. Hier ist ein Diskurs ins Rollen gebracht worden, der dem Großteil der österreichischen Hochschulen noch bevorsteht.