Wien. Die Aufregung um das Binnen-I ist zurück. Erst der von Shitstorms und Morddrohungen begleitete Streit zwischen Volksrocker Andreas Gabalier und Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek, ob die "Töchter" in die Bundeshymne gehören oder nicht. Nun schlägt ein offener Promi-Brief in die Gender-Debatte ein wie ein Volksmusik-Tusch.

800 Personen fordern die "Rückkehr zur sprachlichen Normalität". Adressiert ist der Brief an Bildungs- und Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) sowie Wissenschaftsminister Reinhold Mitterlehner (ÖVP).

Mehr als die Hälfte der Unterzeichner weiblich

Unter den Unterzeichnern finden sich neben Lehrern, Schulleitern oder Journalisten zahlreiche Prominente aus Kunst, Kultur und Wissenschaft - darunter Chris Lohner, der Philosoph Konrad Paul Liessmann, Verfassungsrechtler Heinz Mayer, der deutsche Sprachpfleger Bastian Sick, der Mathematiker Rudolf Taschner oder Albertina-Direktor Klaus Albrecht Schröder. Mehr als die Hälfte der Unterzeichner sind weiblich, wird betont.

Die Minister sollen, so die Forderung, "dem Wildwuchs durch das sprachliche ,Gendern‘" Einhalt gebieten. "Ein minimaler Prozentsatz kämpferischer Sprachfeministinnen darf nicht länger der nahezu 90-prozentigen Mehrheit der Staatsbürger ihren Willen aufzwingen", sagen die Unterzeichner. Sie sehen darin einen Widerspruch zur Demokratie. "Was die Mehrheit der Sprachteilhaber als richtig empfindet, wird als Regelfall angesehen. Wo immer im Laufe der Geschichte versucht wurde, in diesen Prozess regulierend einzugreifen, hatten wir es mit diktatorischen Regimen zu tun."

Die Briefschreiber verwehren sich gegen eine "von oben her verordnete konsequente getrenntgeschlechtliche Formulierung" in Gesetzen, Behördentexten, aber auch Schulbüchern und universitären Facharbeiten. Geschlechtersensible Sprache (mit Binnen-I, Anführung beider Geschlechter mit Schrägstrichen im Wortinneren etc.) stoße nicht nur auf sehr geringe Akzeptanz, sie "zerstört die gewachsene Struktur der deutschen Sprache bis hin zur Unlesbarkeit und Unverständlichkeit" und widerspreche "zum Teil den Grundregeln unserer Sprache". Diese Maßnahmen "sind daher wieder aus dem Sprachgebrauch zu eliminieren".

Als Lösung sehen die Autoren des Briefes den umstrittenen Önorm-Entwurf zu geschlechtergerechten Sprache, der u.a. vorschlägt, "beide Geschlechter getrennt und vollständig anzuführen". Damit würden feministische Anliegen maximal berücksichtigt und eine "Rückkehr zur sprachlichen Normalität" ermöglicht. Schließlich sei die Sprache einzig und allein für die problemlose Verständigung und nicht für die Durchsetzung partikularer Interessen da. Es müsse gewährleistet sein, dass "die Verständlichkeit von Texten wieder den Vorrang vor dem Transport feministischer Anliegen eingeräumt bekommt".

Walburg Ernst, die Leiterin des Komitees zur Regelung des Schriftverkehrs, hatte die von den Briefschreibern favorisierte Önorm vorgeschlagen. Doch nach einem Sturm der Entrüstung seitens der Befürworter des Binnen-I und seiner Ableger wurde der Entwurf vom Austrian Standards Institute auf Eis gelegt.

Nun sieht sich Ernst bestärkt und will mit diesem "externen Rückenwind" einen neuen Anlauf starten. "Ich hab die Initiative zwar nicht unterschrieben, weil ich nicht gefragt wurde. Aber sie ist eine tolle Sache. Das zeigt, dass die 1400 Einsprüche gegen die neue Norm nicht die Mehrheit der Bevölkerung widerspiegeln." Sie will nun auf alle Einsprüche gegen die Norm antworten dürfen. "Sonst gehen wir vors Schiedsgericht."

Ein "völlig falsches Signal sieht Heinisch-Hosek in einer ersten Reaktion auf den Brief. "Sprache schafft Wirklichkeit. Weibliche Formen unerwähnt zu lassen und Frauen damit auszublenden, das wäre ein völlig falsches Zeichen."

Die "Österreichische Hochschüler_innenschaft" (ÖH) zeigt sich bestürzt: "Wir sind entsetzt, dass im 21. Jahrhundert ernsthaft gefordert wird, auf weibliche Bezeichnungen zu verzichten. Die männlichen Bezeichnungen schließen die weiblichen ganz klar aus."