Wien. Als Freund der Demokratie lässt er sich nicht wirklich herzeigen: "Dieses Parlament, eine solche Volksvertretung, eine solche Führung unseres Volkes, wird und darf nie wieder kommen", sagte Engelbert Dollfuß gleich nach seiner Machtübernahme. Dessen ungeachtet  soll das wiederholt kontrovers diskutierte Porträt des autoritär regierenden "Kanzlers" im ÖVP-Parlamentsklub weiter hängen bleiben. Es soll aber noch diesen Sommer um eine  Infotafel ergänzt werden.

Ein Klubsprecher bestätigte am Mittwoch einen entsprechenden Bericht der "Tiroler Tageszeitung". Die Tafeln vom Umfang einer A4-Seite werden bis zur nächsten Klubsitzung der ÖVP, voraussichtlich vor der nächsten Nationalratssitzung, angebracht.


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Dossier: der Februar 1934
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Bei jedem im ÖVP-Parlamentsklub hängenden Porträt werden entsprechende Tafeln montiert, denn bisher fanden sich bei den Bildern lediglich Schilder mit Namen und Lebensdaten. Für die Formulierung der Texte wurde der ÖVP-nahe Historiker Helmut Wohnout beauftragt.

ÖVP-Klubchef Reinhold Lopatka plädierte in einer Aussendung am Mittwoch anlässlich des 80. Todestags von Dollfuß am 25. Juli für eine "differenzierte Betrachtung" von dessen Persönlichkeit. So sei diesem etwa "positiv anzurechnen, dass er an dieses Österreich zu einem Zeitpunkt glaubte, als viele den Glauben schon aufgegeben hatten". Auch die "dunklen Seiten" gebe es zu beleuchten, verwies Lopatka darauf, dass Dollfuß die Aufhebung der Verfassung und des Parlaments zu verantworten habe.

Das "viel zitierte" Dollfuß-Bild in den Klubräumlichkeiten sei "Teil eines historischen Ensembles von Bildern", so der Klubchef: "Als man diese bei der Etablierung des Klubs Ende der 40er-Jahre anschaffte, hat man diese Auswahl getroffen. Drei der Köpfe repräsentierten die damals existierenden drei Bünde: Leopold Kunschak, Leopold Figl und Julius Raab." Um eine "differenzierte Sichtweise auf die Geschichte zu ermöglichen", werden nun die Infotafeln angebracht.

Der Text der Infotafel unter Dollfuß' Porträt nimmt auch Bezug auf den autoritären "Ständestaat", den die Christlichsoziale Partei 1934 errichtete: "Nach dem Rücktritt der drei Präsidenten des Nationalrats vom 4. März 1933 schlug Dollfuß im Einvernehmen mit den Spitzen der Christlichsozialen Partei den autoritären Kurs ein und regierte ohne Nationalrat mit Hilfe kriegswirtschaftlicher Notverordnungen. Die Parteien wurden schrittweise aus dem politischen Leben verdrängt; unter Bruch der Verfassung wurde der Verfassungsgerichtshof ausgeschaltet."

Weiters nimmt der Text Bezug auf den "österreichischen Selbstbehauptungswillen" gegenüber dem nationalsozialistischen Terror, der von Dollfuß erweckt worden sei. Dies hätte zu seiner Ermordung geführt.

Andere Historiker sehen das bekanntlich anders: Dollfuß und der "Austrofaschismus" erscheinen in dieser Lesart als Wegbereiter Hitlers. Durch die Zerstörung der österreichischen Demokratie und der gewaltsamen Ausschaltung der Opposition wurde das Land "reif" für den Einmarsch der Nazidiktatur.