Wien. (temp/apa) Fast ein Fünftel der österreichischen Bevölkerung, konkret 19,4 Prozent, verfügt über einen Migrationshintergrund. Laut Integrationsbericht, den Außenminister Sebastian Kurz (ÖVP) am Montag vorgestellt hat, ist auch das Zugehörigkeitsgefühl von Zuwanderern zu Österreich gestiegen: und zwar von 56 Prozent im Jahr 2010 auf heute 70 Prozent. Bei türkisch-stämmigen Zuwanderern scheint der Trend noch deutlicher. 2010 gaben noch 69 Prozent dieser Gruppe an, sich eher der Türkei zugehörig zu fühlen, diesmal waren es nur 43 Prozent.

Um Integrationsproblemen rechtzeitig zu begegnen, hatte Kurz vorgeschlagen, Schüler mit Sprachproblemen in eigenen Klassen auf den Regelunterricht vorzubereiten. Der nun vorliegende Integrationsbericht entfacht erneut die Diskussion um dieses Thema. Denn der Expertenrat für Integration, Autor des Integrationsberichts, greift Kurz’ Idee nicht auf. Vielmehr schlägt dieser lediglich "Vorbereitungsklassen" vor, die allerdings "so kurz wie möglich" besucht werden sollen.

Bei jungen Migranten ansetzen


Heinz Fassmann, der Vorsitzende des Expertenrates, sprach sich im "Ö1-Morgenjournal" am Montag für einen "ethnischen Mix" auch in der Schule aus - denn Integration heiße, voneinander zu lernen. Im Kindergarten sollten Deutschkenntnisse in einer spielerischen und kindgerechten Art vermittelt werden, in der Volksschule sollten diese "individualisiert werden und vielleicht am Nachmittag im Klassenverband" weitergehen. Für Jugendliche ohne Deutschkenntnisse soll es laut Fassmann die im Bericht erwähnten Vorbereitungskurse geben.

Das Wesentliche sei, bereits für Kinder Maßnahmen zu setzen. Denn Integrationsprobleme gebe es vor allem noch bei jungen Österreichern mit Migrationshintergrund, so Fassmann. Sie fänden schwerer einen Job und brächen häufiger die Schule ab.

Über das Thema "Deutsch vor Schuleintritt" hatten ÖVP und SPÖ in den Vorjahren oft gestritten. Vor allem Kurz, damals Integrations-Staatssekretär, hatte auf die Separation der Schüler mit Sprachproblemen gedrängt. Die damalige Unterrichtsministerin Claudia Schmied (SPÖ) lehnte hingegen "Ghetto-Klassen" ab. Später einigten sich die beiden auf einen Kompromiss. Im aktuellen Regierungsprogramm findet sich ein Passus, wonach "für Kinder mit Sprachförderbedarf verpflichtende sprachliche Intensivkurse eingerichtet werden".

Damit setzt Österreich derzeit wie zehn weitere Länder (unter anderen Großbritannien, Italien und Kroatien) in Europa auf das integrative Modell. In 16 Staaten gibt es zusätzlich zeitlich begrenztes Lernen der Unterrichtssprache in eigenen Gruppen. Nur zwei der 30 untersuchten Länder - Deutschland und Rumänien - betreiben separate Sprachförderung in eigenen Klassen.

Förderungen für EU-Bürger


Einig sind sich Kurz und Expertenrat, wenn es um Maßnahmen und Förderungen für zugewanderte EU-Bürger geht. Die Migration innerhalb der EU habe sich in den vergangenen Jahrzehnten intensiviert, heißt es im Integrationsbericht. Eine Verbesserung der Sprachförderung sowie eine Reform der Rot-weiß-rot-Card seien daher unabdingbar. Kurz will sich auf europäischer Ebene nun dafür stark machen, das Angebot zu öffnen, betonte er.

Laut Integrationsbericht bilden EU- und EWR-Bürger den Hauptanteil der Zuwanderer (57 Prozent). Insgesamt kamen 151.300 Personen 2013 nach Österreich, rund 96.600 Menschen verließen das Land. Daraus ergibt sich eine Netto-Zuwanderung von 54.700 Personen. Im Durchschnitt des Jahres 2013 lebten hier 1,625 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund. 1,2 Millionen von diesen gehörten der "ersten Generation" an, da sie selbst im Ausland geboren wurden und nach Österreich zugezogen sind. Der Rest sind in Österreich geborene Nachkommen von Eltern mit ausländischem Geburtsort ("zweite Generation").