Wien. Man kann sie schon förmlich hören, die trippelnden Kinderfüße, das Pausen-Geschrei und die Turnsackerl, die durch die Gänge geworfen werden. Mit erstem September öffnet der groß angelegte Bildungscampus im Sonnwendviertel im 10. Bezirk hinter dem Wiener Hauptbahnhof seine Pforten. Letzte Aufräumarbeiten beschäftigen die noch anwesenden Arbeiter. Jeweils fünf Klassen Volksschule, Neue Mittelschule sowie sechs Kindergartengruppen werden das neue Schuljahr einläuten. Für insgesamt 1100 Kinder zwischen 0 bis 14 Jahren ist der Campus angelegt.

Das Gebäude ist bereits fertiggestellt, die Einrichtung wird soeben angeliefert. Dunkle Schiefertafeln waren gestern, der Schüler von morgen will interaktiv von
seinem Lehrer in den Unterricht einbezogen werden. Und dafür braucht es "Whiteboards", neudeutsch für weiße Beamerwände, auf die der Lehrer die neuesten pädagogischen Youtube-Tutorials projizieren kann.

Freiräume statt Klassen

Insgesamt 79 Millionen Euro hat die Stadt für den Bildungscampus investiert. Hier soll Wiens modernste Bildungsadresse entstehen. Der Campus ist ein Teil eines der größten Stadtentwicklungsprojekte der vergangenen Jahre. Mit dem neuen Sonnwendviertel entstehen 550.000 Quadratmeter Büros nördlich des Hauptbahnhofs, 5500 Wohnungen für 13.000 Menschen, ein acht Hektar großer Park und mittendrin ein Bildungscampus, in den pädagogische Utopien Wirklichkeit werden sollen.

Kernidee des Bildungscampus‘ ist ein neuer pädagogischer Zugang. Es soll ein Miteinander hervorstreichen - Hierarchien zwischen den Altersgruppen und Ausbildungsphasen abbauen. So soll beispielsweise der Kindergarten als eigene Bildungseinrichtung aufgewertet werden.

Auch von Klassen will auf dem Bildungscampus niemand mehr sprechen - "Bildungsräume" ist das neue Stichwort. "Marktplätze" mit variablen Möbeln bilden das Herzstück des Gebäudes. Sie sollen von allen Schülern der anliegenden Bildungsräume zusammen genutzt werden und als gemeinsamer Pausen-, Lern- und Freizeitort fungieren.

Jeweils vier Bildungsräume, ein Projektraum und ein Teamraum für Lehrer sind um einen Marktplatz geordnet, zu dem auch die sogenannte Freiklasse gehört. Sie bildet eine Art Terrasse in den Schulhof, verfügt über ein Sonnendach und eine Tafel - für den Unterricht im Freien. Sitzmöbel und Schreibtische können dafür aus den Bildungsräumen in die Freiklasse verlegt werden. Sie wurden extra mit Rollen ausgestattet und witterungsfest gemacht.

Gemeinsamen Zugang haben die Kinder aller Schultypen auch zu den Turnsälen und Gymnastikräumen, die mittels flexibler Trennwände je nach Bedarf umstrukturiert werden können. Die Stiegen zu den Turnsälen sind als Sitzgelegenheit für eine Theaterecke gestaltet. Je nach Bedarf lässt sich eine Leinwand für Filmvorführungen aus der Decke fahren.

Kinder entspannen in ihren "Nestern"

Um das zeitgleich entstehende Wohnprojekt im Sonnwendviertel kulturell aufzuwerten, plant man eine Öffnung dieser Gemeinschaftsräume für die Öffentlichkeit.

Alles steht unter dem Motto flexibel, offen und modern. Die zahlreichen Glaselemente im Rauminneren sind verschiebbar, die Wände hell - sogar an ökologische Baustoffe wurde gedacht. Nach dänischem Vorbild wurden die Bildungsräume gestaltet, erklärt Architekt Georg Poduschka mit Stolz, monatelang hat man nach den richtigen Vorbildern für das neue Konzept gesucht. Die Architektur soll hier im Vorfeld die Rahmenbedingungen eines modernen Unterrichts vorgeben, als Werkzeug für das Gestalten dienen. Dazu gehören auch Rückzugsbereiche für Kinder, sogenannte "Nester" sowie Räumlichkeiten im Atelierstil für die Kunstinteressierten. Je freier die Räume angelegt sind, desto selbstbestimmter und freier können sich die Kinder durch die Schule bewegen - so viel zur Theorie.

Ob die Pädagogen bereit sind für das offene und freie Bildungskonzept?

"Aus diesem Grund werden wir die Klassen aufsteigend einführen. Beginnend mit jeweils den ersten Klassen", zeigt sich Bildungsstadtrat Christian Oxonitsch zuversichtlich. Nach und nach sollen die Schulstufen dann weitergeführt werden. Als Maßnahme für die Lehrer, will man insbesondere in der Anfangsphase laufend gemeinsame Besprechungen abhalten. Um den Pädagogen als auch den Kindern einen sanften Eintritt in das neue Konzept zu ermöglichen. Bis sich alle an ihre neu konzipierte Freiheit gewöhnt haben.