Fantasia/Wien. Die Überzeugung, SPÖ und ÖVP könnten gar nicht miteinander regieren - erstens, weil beide gar nicht wollen, zweitens, weil sie diametral entgegengesetzte Interessen vertreten, drittens, weil es ohne Regierung schließlich auch geht -, zählt zu den grundsätzlichsten Irrtümern der an Irrtümern sowieso reichen heimischen Innenpolitik-Journalisten. Die nunmehr runderneuerte Bundesregierung aus dynamischer Sozialdemokratie und geschlossener Volkspartei wird den Ignoranten aller Lager nunmehr demonstrieren, wie Koalition geht.

Als weithin sichtbares Zeichen der neuen Ära steht der Abschied von lieb gewordenen Feindbildern. Und um zu zeigen, dass man auch im symbolischen Bereich nicht vor den wirklich schweren Brocken zurückschreckt, wird Werner Faymann am kommenden Bundesparteitag der SPÖ in seiner Wahlrede vor den roten Delegierten die zehn gewichtigsten Gründe preisen, warum kein Steuer-Euro für Österreichs darbende Bauern zu viel ist. Reinhold Mitterlehner kann da natürlich nicht zurückstecken, weshalb er in seiner Antrittsrede vor den schwarzen Funktionären am Parteitag der ÖVP die Österreichischen Bundesbahnen als herausragendes Beispiel kreativer öffentlicher Arbeitsmarktpolitik loben wird. Standing Ovations und Zustimmungsraten der Funktionäre von 98 Prozent plus werden die gewohnt zynischen Kommentatoren vor ein Rätsel stellen.

Doch mit symbolischer Politik, so wichtig diese in schweren Zeiten des drohenden Machtverlusts auch sein mag, wollen sich Kanzler und sein neuer Vize gar nicht lange aufhalten. Ihnen steht der Sinn nach Lösung der harten sachpolitischen Fragen.

Der Zufall will es, dass die beiden ihr Meisterstück gleich zu Anfang zelebrieren können. Im Nachhinein kann man sich ja wirklich nur mehr wundern, warum die Senkung des Einkommenssteuersatzes von rund 36 auf 25 Prozent so schwer gewesen sein soll. Dass im Gegensatz die Grundsteuer angehoben werden musste, wollten in der allgemeinen Euphorie nicht einmal kleine Hausbesitzer und Wohnungseigentümer, ja nicht einmal die Gemeinde Wien als größter Immobilieneigner der Republik dem neuen dynamischen Duo übelnehmen. Die neuen Einnahmen dienen ja auch tatsächlich einer guten Sache, unter anderem der Einhaltung des von der EU eingeforderten Budgetpfades, der für 2016 ein "strukturelles Nulldefizit" (neudeutsch für ein Budgetdefizit von 0,45 BIP-Prozent) vorsieht.