Wien. Erstmals seit der Anfangseuphorie um Josef Pröll 2008 spürt die ÖVP wieder Rückenwind. Offen ist, ob Reinhold Mitterlehner längerer Erfolg beschieden ist. Was dazu notwendig wäre, darüber sprach die "Wiener Zeitung" mit dem britischen konservativen Vordenker Phillip Blond.

"Wiener Zeitung": Egal, ob in Großbritannien, Frankreich, Österreich, mit Einschränkungen sogar in Deutschland: Überall stolpern und stürzen bürgerliche Volksparteien. Ist deren Zeit abgelaufen?

Phillip Blond: Ja, das glaube ich. Die Realität hat sich grundlegend gewandelt und hauptverantwortlich sind die Veränderungen unseres Kapitalismus: Die Mehrheit profitiert nicht mehr von diesem System. Die ersten, die das zu spüren bekamen, waren in den 1970ern die ungelernten Arbeiter, jetzt kommt die Mittelklasse dran: Löhne stagnieren und fallen sogar; der Wohlfahrtsstaat, den die Mittelklasse finanziert, gewährt seinen Trägern keine Sicherheit mehr. Oder anders formuliert: Wir erleben den Zusammenbruch der Umverteilungsmechanismen des europäischen Sozialstaatsmodells. Als Folge verbreitet sich ein Gefühl endemischer Unsicherheit in der Bevölkerung. Wenn sich diese Menschen jetzt für nationalistische und protektionistische Parteien entscheiden, sollte das niemanden überraschen: Subjektiv macht das durchaus Sicht. Nehmen Sie den Front National: Lässt man den Rassismus weg, handelt es sich dabei um ein sozialistisches Politikangebot an die "Working Poor", das Gleiche gilt für etliche weitere Protestparteien.

Das betrifft allerdings rechte wie linke Volksparteien.

Ja, aber die Tragödie ist, dass die konservativen Parteien keine Antworten mehr haben - sei es, weil sie neoliberal wurden, wie im angelsächsischen Raum, oder weil sie sich sozialdemokratisierten, wie in Deutschland oder Österreich. Die bürgerlichen Parteien scheiterten daran, eine Alternative zum alimentierenden Wohlfahrtsstaat zu entwickeln, die für kleine Unternehmer und Arbeitnehmer attraktiv ist.

Eine Neuausrichtung ist schwierig, da mächtige Interessen gegen Veränderungen mobilmachen. In der ÖVP sind das etwa Beamte, Bauern und Landesfürsten.