- © Robert Newald
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Wien. Es ist unscheinbar, schwer zu finden und klein: Das Ministerium der Familienministerin Sophie Karmasin hat - rein architektonisch betrachtet - nichts mit dem Prunk der anderen Ministerien gemein. Doch fast schon als würde sie gegen dieses stiefkindliche Image ankämpfen wollen, wird Karmasin seit ihrer Angelobung im Dezember des Vorjahres nicht müde, familienpolitische Forderungen zu stellen. Aktuell geht es um eine Reform des Kindergeldes. Die Verhandlungen darüber mit Vertretern des Frauenministeriums und der Sozialpartner sind am Mittwoch gestartet. Karmasin strebt für 2016 ein "Kinderbetreuungsgeld-Konto" statt der bisherigen nicht-einkommensabhängigen Bezugsvarianten an. Mit der "Wiener Zeitung" sprach sie über ihre konkreten Ziele und zog Resümee über bald ein Jahr als Ministerin.

"Wiener Zeitung": Warum geht es bei den Verhandlungen zur Kindergeld-Reform ausschließlich um die nicht-einkommensabhängige Variante, wo liegt hier das Problem?

Sophie Karmasin: Mein Ziel ist eine Vereinfachung der vier Pauschalvarianten (von bis zu 14 Monaten Bezug bis zu maximal 36 Monaten, Anm.), die es derzeit gibt. Das einkommensabhängige Kindergeld soll deshalb bleiben, weil es immer beliebter wird und auch bei den Vätern besonders gut ankommt. Die vier Pauschalvarianten sollen in Form eines Kontos vereinfacht und flexibler werden. Nach der klassischen Kinderbetreuungszeit soll man sich ein, zwei Monate für später aufheben können, zum Beispiel für den Schuleintritt. Man soll auch besser zwischen den einzelnen Varianten wechseln können. Und wir wollen mehr Männerbeteiligung, etwa durch einen Partnerschaftsbonus.

Soll es künftig einen Rechtsanspruch auf Kinderbetreuung geben?

Das ist eine langfristige Denkvariante, aber hat in diesem Zusammenhang keine Relevanz.

Prinzipiell geht es dabei ja darum, dass Frauen nach der Karenz früher in den Beruf zurückkehren können. Orientieren Sie sich da am dänischen Modell, wo ein Jahr daheim beim Kind schon als lang gesehen wird?

Nein. Wir wollen nicht blind kopieren, sondern das für Österreich richtige Modell entwickeln. Elemente aus schwedischem, dänischem und österreichischem Modell werden dabei sein.

Glauben Sie, dass Österreich schon so weit ist, dass die Männer in die Kinderbetreuung gleichermaßen miteinbezogen werden - von der gesellschaftlichen Rollenverteilung her betrachtet?

Ich glaube, im Kopf sind wir auf jeden Fall so weit. Es braucht nur den letzten Anstoß von der Gesetzgebung, aber auch den Unternehmen.

Aktuellen Jugendstudien zufolge gibt es aber den Trend, dass traditionelle Werte wie Familie wieder an Bedeutung gewinnen. Man spricht von einer neuen Biederkeit. Wie lässt sich das mit Ihrer Familienpolitik vereinbaren?

Das würde ich differenzierter betrachten. Familie hat einen sehr hohen Stellenwert. Die Frage ist nur: Wie gestalte ich Familie? Die sogenannte "neue Biederkeit" bei Jugendlichen ist eine Konsequenz daraus, dass wir die Fragen nach Vereinbarkeit von Beruf und Familie noch nicht optimal gelöst haben. Das stellt einen großen Stressfaktor für Frauen dar. Dazu gehört auch, dass es noch nicht ausreichend viele Kinderbetreuungsplätze mit flexiblen Öffnungszeiten gibt. Wenn man die Situation genauer hinterfragt, wollen junge Frauen nämlich schon arbeiten, unabhängig sein und einen gewissen Lebensstandard erreichen. Die Conclusio daraus ist: Wir müssen etwas tun, damit wir die Vereinbarkeit von Familie und Beruf erleichtern, und dann soll jeder selbst entscheiden, ob er das Angebot in Anspruch nimmt.

Über allem steht die Wahlfreiheit: Eine Frau soll arbeiten gehen können, wenn sie will oder muss. Wenn sie sagt, sie möchte zuhause bleiben, ist das auch wunderbar. Sie darf sich nur nicht deshalb dazu entscheiden, weil es keinen Betreuungsplatz gibt.

In Deutschland gibt es ja eine sogenannte Herdprämie. Also eine Sozialleistung für Familien, die keine öffentlichen Kinderbetreuungsangebote nutzen . . .

Das geht nicht in meine Stoßrichtung. Das Modell in Deutschland zeigt, dass genau jene Familien den Kindergarten nicht in Anspruch nehmen, deren Kinder sehr wohl profitieren würden - aufgrund der Sprache und des Austauschs mit Gleichaltrigen.

Aber könnte man mit Anreizen wie einer Herdprämie vielleicht die Geburtenrate erhöhen?

Eben nicht, das Gegenteil ist der Fall. Studien zeigen, dass in all den Ländern, in denen viele Betreuungsplätze geschaffen wurden und Unternehmen flexible Arbeitszeitmodelle anbieten, die Geburtenrate steigt.

Vor fast einem Jahr haben Sie als frisch angelobte Ministerin ein familienfeindliches Klima in Österreich beklagt. Ist es familienfreundlicher geworden?

Ich hoffe schon, zumindest gibt es mehr Diskussionen zu dem Thema.

Wie ziehen Sie generell Resümee über ihre Zeit in der Politik? Über den Wandel von der Meinungsforscherin, die noch während der Nationalratswahl das Auftreten der Politiker bei den TV-Konfrontationen analysiert hat, zur analysierten Person selbst?

Innen fühlt es sich oft anders an als es von außen wirkt. Und es ist wirklich schwieriger, auf dem Spielfeld zu spielen, als von außen auf der Bank die guten Tipps zu geben. Draußen ist es risikoloser, unverfänglicher. Und ja: Auf dem Spielfeld passieren Fehler - aber auch Veränderungen. Deswegen ist das Spielfeld freilich die größere Herausforderung aber auch die größere Befriedigung.