Extreme in Europa nehmen zu
Extreme in Europa nehmen zu

Wien. Der eine trägt Sneakers und Umhängetasche, der andere noblen Nadelstreif. Unähnlicher könnten Johannes Wahlmüller von Global 2000 und Dieter Drexel von der Industriellenvereinigung einander nicht sein. Der Klischees nicht genug, sitzt Wahlmüller vor der einzigen Zimmerpflanze im Raum, während Drexel einen grauen Aktenschrank hinter sich hat. Irgendwie hat man das Gefühl, dass sich David und Goliath gegenüber sitzen. Nicht nur, weil Herr Drexel im ehrwürdigen Haus der Industrie, wo wir beide zum Interview treffen, im Heimvorteil ist. Sondern auch, weil Klimaschutz und die Interessen der mächtigen Industrie sich dieser Tage wieder einmal in die Quere kommen.

Der Europäische Rat muss übernächste Woche über die neuen Klimaschutzziele für das Jahr 2030 abstimmen. Konkret schlägt die Kommission eine Reduktion der Treibhausgase (THG) um 40 Prozent im Vergleich zu 1990 vor. Höhere Umweltauflagen bedeuten aber für die heimische Industrie höhere Kosten, mehr Geld für energieeffizientere Technologien und Verschmutzungsrechte. Das schwächt die, ohnehin relativ umweltfreundlichere, europäische Industrie im internationalen Vergleich. Betriebe drohen jetzt schon mit Abwanderung. Auf der anderen Seite nimmt der Klimawandel verheerende Ausmaße an. Wenn die Welt nicht gegensteuert, drohen Dürren, Hochwasser und hunderte Millionen Flüchtlinge, warnen Klimaexperten - mit entsprechenden Auswirkungen auch für Österreich.

"Wiener Zeitung":Herr Drexel, gibt es für Sie einen Grund, den Forderungen der Kommission zuzustimmen?

Dieter Drexel: Es gibt keinen Grund, wenn die begleitenden politischen Maßnahmen nicht außer Streit gestellt werden können.



Herr Whalmüller, gibt es für Sie als Umweltschützer einen Grund dem nicht zuzustimmen?

Johannes Wahlmüller: 40 Prozent sind die unterste Latte vom Notwendigen, wenn wir die globale Erwärmung noch auf ein kontrollierbares Maß eindämmen wollen. Klar, es braucht begleitende Maßnahmen.

Eine Studie, die unter anderem von der IV in Auftrag geben wurde, rechnet vor, dass wenn die Treibhausgase bis 2030 um 40 Prozent reduziert werden, ein Viertel der Schwerindustrie abwandert und 61.000 Menschen ihren Job verlieren. Kann das stimmen?

Drexel: Diese Studie zeichnet Szenarien. Und in einem Worst-Case-Szenario kann es aufgrund der zu hohen Klimaziele zu Wertschöpfungsverlust und Abwanderungen kommen.

Wahlmüller: Bei dieser Studie ist die Abwanderung nur eine Annahme und keine Folge der Klimapolitik. Da sollten wir bei den Fakten bleiben. Es ist Panikmache, dass plötzlich alle großen Industriebetriebe zusperren. Es gibt eine Untersuchung der EU, die feststellt, dass bis jetzt keine Abwanderungstendenz nur wegen des Klimaschutzes gibt.

Drexel: Die Geschichte, es gibt keine Abwanderung wegen der Energie- und Klimapolitik weise ich zurück. Natürlich ist die Energiepolitik ein ganz eminenter Faktor für den Standort Europa.

Herr Drexel, welche realistischen Folgen hätten höhere Umweltauflagen für die heimische Industrie?

Drexel: Ein Klimaziel, das richtig aufgesetzt ist, von richtigen Maßnahmen begleitet ist, muss keine negativen Auswirkungen auf die Industrie haben. Die EU soll Ziele festlegen, das steht auch im Sozialpartnerbrief an den Bundeskanzler. Die erste politische Überlegung ist, dass sich ein europäisches Klimaziel nicht völlig abkoppeln kann von irgendwelchen Zielen sonstwo auf der Welt. Was wir derzeit sehen, ist, dass die Kommission einen Vorschlag vorbereitet, der die einzelnen Staaten ausschließlich aufgrund ihrer Wirtschaftsleistung und nicht aufgrund ihrer Potenziale bei ihren Zielen beurteilt. Das bedeutet, dass die wohlhabenden Staaten, die eine höhere Energieeffizienz haben, härter getroffen werden, und die weniger wohlhabenden Staaten, die Energie verschwenden, ein geringeres Ziel bekommen. Wir müssen wissen, wie ein Schutz für die energieintensive Industrie, die im internationalen Wettbewerb steht, mit einem Klimaziel 2030 aussieht.

Wahlmüller: Wenn erneuerbare Energie ausgebaut wird, profitiert die Maschinenbauindustrie. Wenn Windräder aufgestellt werden, dann gibt es Aufträge für Zement- und Stahlindustrie. Wenn thermisch saniert wird, belebt das die Bauwirtschaft. Bei den Vorschlägen, die bisher am Tisch liegen, verstehen wir die Aufregung mancher Industrievertreter überhaupt nicht. Was heißt also 40 Prozent weniger? Die Industrie müsste 43 Prozent in Vergleich zu 1990 einsparen. Jetzt sieht man im Referenzszenario, wenn es keine zusätzlichen Maßnahmen gibt, liegen wir bei einer Einsparung von 36 Prozent. Es geht um zusätzliche sieben Prozent, EU-weit. Das ist absolut machbar.

Trotzdem verursacht die Schwerindustrie in Österreich immer noch ein Drittel der jährlichen Treibhausgase. Kann man das nicht etwas nach unten drücken?

Drexel: Diese Betriebe brauchen aus schlicht physikalischen Gründen für das, was sie produzieren, Energie und setzen CO2 frei. Wenn man die Produktion reduziert, kann man auch die Emissionen reduzieren. Aber ein Hochofen wird sich mit Biomasse nicht befeuern lassen.